Einfach Corona! – Letzter Schultag 2020

Lesedauer: 7 Minuten

File:Coronavirus SARS-CoV-2.jpg - Wikimedia Commons

VERRÜCKTER TEIL II

SCHULSTORYS Schultage sind manchmal ziemlich seltsam. Vor allem, wenn man Zeugnisse bekommt und gleich danach einen Mathetest schreibt. Und das alles unter Corona-Umständen.

Den Anfang der Geschichte noch nicht gelesen? Na dann aber los! Sonst verpasst ihr einige lustige Corona-Momente …

Musterschüler

Die Hälfte des Schultages ist um. Im nächsten Block haben wir Physik. Ich verfolge den Unterricht sehr zu meinem Unwillen nur aus der vorletzten Reihe, weil alle Zweierbänke durch Corona aufgeteilt werden müssen. Doch was beschwere ich mich eigentlich? Wir haben Physik. Quantenphysik. Bekannterweise liebe ich Quantenphysik. Diese unglaublich klingenden Theorien, dass Wellen aus Teilchen bestehen können (und umgedreht!) übersteigen jegliche Vorstellungskraft. Und doch sitzen wir da und rechnen mit Zahlen von 9,1*10-31kg (das entspricht der Masse eines Elektrons und etwa 0,00000000000000000000000000000091 kg). Die ersten 70 Minuten vergehen wie im Flug.

Achtung, Corona: Quantenphysik
Sieht so die Quantenwelt aus?

Gerade fängt unser Physiklehrer – der uns nur zu gerne mit „Kinder“ oder „Leute“ anspricht – an, die üblichen Monatsbelehrungen vorzulesen. Es ist immer wieder interessant zu hören, vor welchen verrückten Sachverhalten man uns Schüler warnen will. Doch irgendwer muss schon einmal in eine nicht hochgegangene Silvesterrakete geguckt haben, um herauszufinden, ob sie noch funktioniert. Naja, dieses Problem wird Corona uns dieses Jahr ja ersparen … Auch auf die Physik kommt man oftmals zurück, wenn es etwa darum geht, sich auf Eisflächen flach hinzulegen, um auf die Eisschicht möglichst geringen Druck auszuüben und nicht einzubrechen. Ob es diesen Winter überhaupt Eis und Schnee geben wird, sei mal dahingestellt. Doch Klimawandel ist wieder ein anderes Thema. (Tatsächlich schneite es sogar sehr viel diesen Winter.)

Endlich kommt der Moment, auf den wir alle gewartet haben. „So, Leute“, sagt unser Physiklehrer, „dann wollen wir mal eure Leistungsnachweise austeilen“. Leistungsnachweise. Quasi Zeugnisse in der Oberstufe, deren Notenpunkte auch ins Abitur einfließen. „Musterschüler“ nennt er ein paar Leute, deren Notenpunkte er nach einem kurzen Blick für gut befunden hat. Ich sehe mir meinen Leistungsnachweis nicht noch einmal genau an. Was darauf steht, habe ich die letzten Wochen einzeln ausgerechnet. Und war überrascht, als mir ein Lehrerfehler im letzten Moment noch eine bessere Note beschert hat. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte (die übrigens hier gelesen werden kann).

Vorverlegt

12:30 Uhr. In 5 Minuten ist Mittagspause und bis dahin sollen wir noch im Physikraum bleiben. Ohne mich gebührend zu verabschieden kehre ich dem Tisch in der vorletzten Reihe den Rücken zu und gehe in die erste Reihe zu Vini und Philip, mit denen ich gleich den Mathetest schreiben werde. Philip kommt auf mich zu und fragt: „Hast du schon den Mathechat gelesen?“ Erstaunt blicke ich ihn an. Was soll es für Neuigkeiten geben? Unser Mathelehrer würde den Test niemals ausfallen lassen. „Wir sollen in 10 Minuten in den Raum. Der Test wurde vorverlegt.“ Wie vorverlegt? Mein Pulsschlag beschleunigt sich.

Ich lese den Chat. Unser Mathelehrer hat scheinbar einen Arzttermin um 14:15 Uhr vergessen und kurzerhand beschlossen, einfach 20 Minuten früher mit dem Unterricht zu beginnen. Der Schultag wird ja immer besser. Erst Corona, dann der Mathetest… Okay, ruhig bleiben, Maja. Du kannst das, du hast mehr als genug geübt. Wir gehen also gleich in den Matheraum. Da ich genau vor der Tür und somit dem Gang sitze, in dem auch unsere Schulleiterin und ihr Stellvertreter ihre Büros haben, drehe ich mich nach hinten um. Man soll nicht gleich sehen, dass ich heimlich (trotz der Corona-Hygieneregeln!) noch etwas esse. Weder will ich nach draußen gehen und möglicherweise den Beginn des Tests verpassen noch möchte ich hungrig in die Arbeit starten.

Langsam füllt sich der Raum. „Warum sagt er den Test nicht einfach ab?“, höre ich meine Mitschüler fragen. Immerhin sei jetzt der letzte Block des letzten richtigen Schultages im Jahr 2020. Und unter den ganzen Corona-Umständen … Doch diese Frage wird wohl für immer unbeantwortet bleiben. Die Überraschung ist auf jeden Fall riesig, als endlich die Aufgabenblätter für den Mathetest ausgeteilt werden. Die Fragestellungen kommen mir sehr bekannt vor. Tatsächlich ist es eine gekürzte Variante der gleichen Buchaufgabe, die ich bereits gestern und heute in der Freistunde mühevoll durchgerechnet habe. Freudestrahlend – was man natürlich unter meiner Maske nicht sehen kann – beginne ich zu rechnen.

Corona: Mathematik
Die erstaunliche Welt der Mathematik …

Und tatsächlich, ich komme wieder auf die gleichen Ergebnisse. Ob ich zweimal die gleichen Fehler gemacht habe? Nein, beruhige ich mich. Ich habe die Ergebnisse doch extra noch mit „desmos“ (einem total coolen Funktionsgraphen-Darstellungsprogramm) kontrolliert. Es müsste alles soweit stimmen.

Zehn Minuten vor Abgabe bin ich fertig. Ich schaue mich um, alle schreiben noch – selbst Philip, das Mathegenie. Gemütlich sehe ich die Aufgaben erneut durch – zweimal kontrollieren hat mich schon vor dem Abgeben so mancher Schusselfehler bewahrt. Abgabe. Immer noch gut gelaunt überreichte ich meine beschriebenen Blätter. Das ist mal ein guter Start in mein letztes Schulhalbjahr überhaupt. Meine ersten Notenpunkte in 12/2.

Bus verpasst

„Das war doch mal ein einfacher Test, oder?“, frage ich Vini. „Was hast du für einen Wendepunkt raus?“, unterbricht sie mich. „Mmh… bei (3/3,57) glaube ich.“ „Mist“, sagt sie und wendet sie an unseren Lehrer. „Ähm … Sie geben doch sicher wieder Folgefehler. Immerhin ist ja bald Weihnachten.“ „Aber das war doch ein einfacher Test, oder nicht?“, erwidert er. „Naja“, meint Vini, „es könnte ganz vielleicht sein, dass ich den falschen Wendepunkt ausgerechnet habe…“ „Das passiert dir anscheinend in letzter Zeit öfter“, stellt der Lehrer fest. Tatsächlich. Seit ihren 15 Notenpunkten in der letzten Matheklausur hat Vini so manchen ungünstigen Fehler in ihre Tests eingebaut.

„So einen einfachen Test kriegt ihr nicht noch mal von mir. Hier war es gut möglich 14 und 15 Punkte zu schreiben“, sagt unser Mathelehrer gerade. Das ist dann wohl seine Art eines Weihnachtsgeschenkes, denke ich. Oder ein Corona-Bonus? Ich schmunzle. Doch meine gute Laune erhält einen Dämpfer, als besagter Lehrer hinzufügt: „5 Minuten machen wir noch“. Er nennt zwei Buchseiten. Das ist eigentlich gut, oder? 40 Minuten früher Schluss.

Für mich leider nicht, denn würde ich jetzt losrennen, würde ich den Bus eine Stunde früher am Bahnhof vielleicht noch schaffen. Natürlich könnte ich auch fragen, ob ich früher gehen darf. Doch irgendein Gefühl sagt mir: Hey, du musst dich nicht abhetzen. Ich bleibe also, finde aber nicht die Motivation, noch mit den genannten Aufgaben anzufangen.

Als wir Schluss haben, ist es tatsächlich Punkt 14 Uhr. Vini und Philip sprinten los, sie haben noch eine realistische Chance, ihren Bus zu kriegen. Schöner Abschied, würde ich sagen. Ich lache. In den Armen halten könnten wir uns wegen Corona eh nicht. 15 Minuten später schreibt Vini mir, sie säßen im Bus. Ich hingegen hocke schon zum zweiten Mal an diesem Tag im jetzt fast völlig leeren Aufenthaltsraum.

Zum Glück bin ich nicht ganz allein. Nach ein paar Minuten kommt ein Mitschüler aus meinem Mathekurs zur Tür herein. „Schon witzig“, sage ich, „dass wir im letzten Block des letzten Schultages des Jahres alleine hier im Aufenthaltsraum sitzen.“ In diesem Moment kommt mir der Gedanke, dass das, was ich an diesem verrückten Corona-Tagerlebt habe, es vielleicht wert wäre, aufgeschrieben zu werden.

Tipp: Ihr bekommt gar nicht genug von Corona? Hier könnt ihr mehr über den Einfluss von Corona auf den deutschen Schulalltag erfahren. Oder wollt ihr mehr über mich erfahren? Lest hier über mein 2020.

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