Geschichte der Judenfeindlichkeit: Streit um die Judensau 2020

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Judenfeindlichkeit: Judensau Wittenberg.jpg
Die Judensau an der Stadtkirche Wittenberg
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/
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WISSENSWERTES Wittenberg 2020: Der Streit um die „Judensau“ an der Stadtkirche entzweit die Bewohner der Lutherstadt. Um die Errichtung des Reliefs besser zu verstehen, ist es jedoch wichtig, mehr über die Geschichte der Rassenfeindlichkeit zu erfahren. Nur die wenigsten wissen, wie lange dieser Hass wirklich schon fest in den Menschen verankert ist.

Zurückverfolgen lässt sich die Rassenfeindlichkeit bis in die Antike. Angefangen mit dem konflikthaften Ablösungsprozess der frühen Christen von den Juden entwickelte sich schon zeitig die sogenannte „antijüdische Tradition“.

Die Christen, die sich selbst als „wahres Israel“ bezeichneten, sprachen den Juden ihre Zugehörigkeit vom Gottesbund ab. Sie hätten Jesus als Messias verworfen, ihn verraten und gekreuzigt und wurden somit nicht nur zu Feinden des wahren Glaubens, sondern auch zu Widersachern Jesu und des Christentums. Die Geschichte der „Gottesmörder“ war von da an Bestandteil der kirchlichen Glaubenslehre.

Teil der Volksfrömmigkeit

Als das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion ernannt wurde, begann allmählich auch die rechtliche Abgrenzung von Juden. Die Minderheit der jüdischen Bürger bekam einen niederen Rang in der Gesellschaft zugewiesen. Die Kirche forderte eine immer stärkere Separierung der Christenfeinde bis hin zu einer Verdrängung aus dem öffentlichen Leben. Bald sollten sie durch ihre Kleidung deutlich als Angehörige des von Gott verworfenen Volkes kenntlich gemacht werden. Auch ihre Bewegungsfreiheit wurde immer mehr eingeschränkt, andere Wohngebiete bildeten da nur den Anfang. Viele wurden verfolgt und zwangsgetauft. Zudem verbreitete die Kirche das negative Judenbild nun auch in Predigten, Gebeten und Liturgie.

Die Feindlichkeit wurde zu einem festen Bestandteil der Volksfrömmigkeit. Die Bischöfe, die vereinzelt noch den Judenschutz predigten, konnten nichts mehr erreichen. Vielmehr nahmen gewaltsame Ausschreitungen und Pogrome gegen die verhassten Mitbürger zu. Nach einer weiteren Festigung der schlechten Vorstellung durch Wallfahrten, Volkserzählungen und Fastnachtsspiele entstanden immer mehr Mythen über das grausame Volk, das nicht zuletzt für die Pest verantwortlich gemacht wurde, indem es Brunnen vergiftete.

Dabei waren es nicht die Juden selbst, die die Mythenbildung weiter anheizten. Was sollten sie auch anderes als Klein- und Trödelhandel betreiben, wenn sie aus Ackerbau, Landbesitz, Handwerkszünften und christlichen Kaufmannsgilden gänzlich ausgeschlossen wurden? Das ausgegrenzte Volk galt nach seinem Geldhandel mit Zins endgültig als verstockt und geldgierig. „Jüdischer Wucher“ müsse aufgehalten werden, hieß es.

Feinde der Gesellschaft

Judenfeindlichkeit: "Weltherrschaft"
Angebliches jüdisches Streben nach der Weltherrschaft
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Mit der Schwächung des Kaisertums im 13. und 14. Jahrhundert verlor auch das letzte kaiserliche Judenrecht, das zum Beispiel deren Schutz beinhaltete, seine Bedeutung. Die Juden waren nun der Willkür kleinerer Landesherren ausgesetzt, die von ihnen immer mehr Sonderabgaben forderten oder sie einfach des Landes verwiesen. Durch die weitere Aushöhlung des kaiserlichen Judenschutzes und die religiöse, soziale und ökonomische Stigmatisierung (also eine Ausgrenzung, weil Menschen jüdisch waren) nahmen die Verfolgungswellen zu. Immer mehr Menschen wurden aus zunächst England und Frankreich, dann auch Deutschland, Portugal und Spanien verwiesen und wanderten nach Osteuropa oder einfach in ländlichere Gebiete ab. Erst ab Mitte des 17. Jahrhunderts sollte es wieder mehr „ihrer Art“ in Mitteleuropa geben.

Auch im aufkommenden Humanismus und während der Reformation gab es keine Wende im antijüdischen Denken. Zwar entspannte sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden nach dem Dreißigjährigen Krieg etwas, doch zu einer Annäherung kam es nicht. Jetzt traten eher wirtschaftliche Motive des Hasses in den Vordergrund, da die Zünfte zunehmend die jüdische Konkurrenz fürchteten. Der Jude war und blieb ein Feind.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Zeit der wissenschaftlichen Aufbrüche, fanden auch Pseudowissenschaften ihren Weg in die öffentliche Diskussion und das Judentum wurde endgültig mit scheinbar wissenschaftlichen Fakten als Feind der Gesellschaft „entlarvt“. Nachdem man schon ihren Glauben und ihre Rechte in der Luft zerrissen hatte, bildete die jüdische Minderheit in den Augen der Gesellschaft bald auch eine eigene, minderwertige Rasse. Als einzige Möglichkeit der sogenannten „Heilung“ sah man die Entfernung der jüdischen Elemente aus der Gesellschaft, die in der Nazizeit ihren Höhepunkt fand.

Judenhass in Wittenberg

Traurig, aber nicht mehr zu ändern, werden einige von euch jetzt denken, doch auch unsere Vorfahren haben dies erlebt. Wittenberg hatte ebenfalls einige düstere Epochen des Judenhasses in seiner Geschichte.

File:Statue Marktplatz (Wittenberg) Martin Luther (zweite Bearbeitung).jpg
Statue vom Reformator Martin Luther
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:
Statue_Marktplatz_(Wittenberg)Martin_Luther
(zweite_Bearbeitung).jpg

Aktuelles Beispiel ist gerade die Judensau an der Stadtkirche. Das Relief aus dem Jahr 1305 richtete sich damals jedoch noch nicht gegen die Juden als „Rasse“, dieser Begriff ist eine Erfindung des Nationalsozialismus. Vielmehr sollte es sie von ihrem sogenannten „Irrglauben“ abbringen. Bildlich dargestellt, sodass es auch das normale Volk wahrnehmen könnte, zeigt es, dass die jüdische Bevölkerung nach der „wahren Erkenntnis zu Gott“ an der völlig falschen Stelle sucht. Trotzdem wird die Judensau heute von einigen Wittenbergern als beleidigend empfunden. Doch sollte man sie nicht lieber hängen lassen, als Zeichen der Vergangenheit, als Erinnerung an die Judenfeindlichkeit und als Sinnbild dafür, dass Wittenberg sich verändert hat?

Auch Martin Luther, der Reformator schlechthin, hegte einen großen Groll gegen jüdische Mitbürger. Nachdem die Juden seine christliche Lehre nicht angenommen hatten, hasste er sie. Seine Schmähschriften um 1540, in denen er sie als Volk der Lügner bezeichnete und „folgerichtig“ deren Ausrottung forderte, hatten enormen Einfluss auf den späteren Antisemitismus. Sie seien ihrem Wesen nach Parasiten und Verschwörer. „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück (…) sind. Wenn ich könnte würde ich sie (…) in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren“, soll er tatsächlich gesagt haben.

Besonders viel Feindlichkeit gab es im Nationalsozialismus. Hier kannst du mehr darüber lesen. Ansonsten könnte dich auch dies interessieren: Holocaust – Vermächtnis der Nationalsozialisten.

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