Einfach Corona! – Letzter Schultag 2020

Lesedauer: 8 Minuten

EPN Hessen e.V.

VERRÜCKTER TEIL I

SCHULSTORYS Schultage sind manchmal ziemlich seltsam. Vor allem, wenn am letzten Schultag des Jahres noch ein Mathetest geschrieben wird und ein Virus namens Corona den Tagesablauf fest in der Hand hat.

Dienstag, 15.12.2020, 14:10 Uhr. Die Corona Fallzahlen sind so weit gestiegen, dass die Regierung nach anderthalb Monaten Lockdown-Light (die praktisch gesehen nichts gebracht haben) den richtigen Lockdown veranlasst hat. Endlich sollen auch die zwölften Klassen Fernunterricht erhalten. Und das ab morgen. Ich sitze alleine unten im Aufenthaltsraum unserer Schule. Es ist der letzte Block des letzten Schultages des Jahres. Ich lache in mich hinein. Ich bin schon echt arm dran.

Kleine Warnung: Diese Geschichte spiegelt meine Gedanken über den ganzen Schultag wieder und die können manchmal ganz schön verworren sein.

Mathetest

5:40 Uhr. Mal wieder überhöre ich den Wecker und werde von Mama geweckt. Der Tag an sich verspricht schön zu werden, wäre da nicht diese Kleinigkeit im letzten Block: Mathetest. Ich habe immer Angst vor Mathetests. Denn selbst, wenn man theoretisch alles verstanden hat, kann ein Blackout die gesamte Note ruinieren. Das habe ich bereits letztes Jahr erfahren und würde auf eine Wiederholung der Situation gerne verzichten.

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Ich spreche mir Mut zu. Mit dem Vorsatz, alle Möglichkeiten auf gute Noten auszunutzen, lerne ich noch einmal im Auto. Das hätte ich auch im Bus später tun können, aber obwohl jetzt durch den Wechselunterricht – der für gestern und heute gilt und dessen Sinnhaftigkeit für die Bekämpfung von Corona anzuzweifeln ist – der Bus leerer ist, erscheint der Bus mir nicht wie ein Ort, in dem man lernen sollte (liegt vielleicht auch daran, dass mir im Bus schnell übel wird). Da ich aber meine Kopfhörer vergessen habe, bleibt mir also nichts anderes übrig, als die mir so bekannte, noch im Dunkeln liegende Landschaft zu beobachten und mich mental auf den Tag vorzubereiten.

Morgenrot

Corona hält mich nicht davon ab, ein Foto des superschönen Sonnenaufgangs zu machen.

Morgenrot, schlecht Wetter droht. Das zweite Morgenrot innerhalb von zwei Tagen, denke ich mir, als ich im ersten Block am Fenster stehe und versuche, den Sonnenaufgang mit der HDR-Kamerafunktion meines Handys aufzunehmen. Gestern in der ersten Stunde hatte ich auch schon daran gedacht, eine ähnlich schöne Kulisse zu fotografieren, doch da waren gerade zu viele Menschen um mich herum, vor denen ich mich hätte rechtfertigen müssen. Jetzt hingegen sitzen wir – auch wieder wegen Corona – zu fünft in einem Raum und sehen das Ende des Films „Mario und der Zauberer“, während die anderen siebzehn Leute unseres Deutschkurses mit unserer Lehrerin über uns Unterricht machen (sehr sinnvolle 2-Raum-Aufteilung).

Wir sollen den Film mit dem Buch vergleichen und Gründe nennen, warum die Verfilmung so viel dramatischer ausgeht als das Original es vorsieht. (Achtung, Spoiler!) Faschismus ist das große Thema. Dieses totalitäre Machtsystem, das in Mario und der Zauberer durch den Zauberkünstler Cipolla verkörpert wird. Die Assistenten, die Cipolla im Film hat, verwirren uns. Fast alle Kartentricks und Zahlenspiele entfallen. Das Hypnotisieren bekommt einen komischen Unterton.

Doch das Seltsamste überrascht uns am Schluss. Nun stirbt nicht Cipolla und mit ihm der Faschismus, wie es im Buch beschrieben ist. Vielmehr bringt Cipolla Marios heimliche Liebe Silvestra dazu, den unschuldigen Mario zu töten. Der Faschismus zeigt also sein wahres Gesicht. Wir beginnen im Raum zu diskutieren. Wie es sein kann, dass keiner der Zuschauer die Dramatik der Situation erkennt. Denn erst im Nachhinein scheint man zu realisieren, was gerade wirklich passiert ist. Erst dann, wenn es schon längst zu spät ist, um noch irgendetwas dagegen zu unternehmen.

Corona – Hygieneregeln

Die Umsetzung der Hygieneregeln an unserer Schule erscheint oft mehr improvisiert als alles andere. So ist auch die Anweisung unserer Deutschlehrerin interessant, als es schließlich nach 50 Minuten zum Raumwechsel kommt. Während unsere siebzehn Mitschüler die Treppe hinunterlaufen und in den Raum gehen, in dem sie jetzt selbstständig – wie wir zuvor – das wunderbar dramatische Ende Marios analysieren sollen, stehen wir fünf Schülerinnen draußen auf dem Schulhof vor der Tür. Erst als die Wanderung beendet ist, dürfen wir uns in den oberen Unterrichtsraum begeben. So soll jeder Kontakt zwischen beiden Gruppen verhindert werden.

Ich will mich hier nicht beschweren, denn tatsächlich kann so eine kleine Gruppe von fünf Schülerinnen ganz angenehm sein – auch wenn sich dann die gesamte Unterrichtsmitarbeit auf 4 Schüler beschränkt. So vergeht der Rest des Deutschunterrichts. Ab und zu werfe ich meine Gedanken ein, denke aber gleichzeitig ernsthaft darüber nach, ob mir Schule in Corona-Zeiten besser gefällt. Immerhin – die Gänge sind leerer, die Busfahrt ist angenehmer und du wirst idealerweise nur 45 Minuten vom Lehrer beobachtet.

Schrecklich hingegen: Essen und Trinken im Gebäude sind verboten. Während meine Freundin Vini die Pause und anschließende Freistunde nutzt, noch Weihnachtsgeschenke in der Stadt zu kaufen, stehe ich mit vor Kälte abfrierenden Händen auf dem Schulhof und versuche zumindest halbwegs mein Frühstück zu genießen. Da kommt Lisa auf mich zu und meint, selbst die Pause dürfe man nicht mehr im Aufenthaltsraum verbringen. Unsere Erleichterung ist groß, als es endlich klingelt.

Auffassungen

EPN Hessen e.V.

Freistunde ist in meiner Welt nicht gleichbedeutend mit Freizeit. Denn natürlich habe ich mir noch Matheaufgaben für diese 90 Minuten vorgenommen. Zuallererst ist da diese eine, die ich schon gestern Abend herausgesucht habe, von der ich d), e) und f) aber nicht geschafft habe. Seufzend mache ich mich an die Arbeit.

Ich verrechne mich oft und kriege Kopfschmerzen. Ich beschließe, an die frische Luft zu gehen. Davon bekommt man im Aufenthaltsraum nicht genug, denn die Fenster, die es gibt, lassen sich nicht öffnen (was besonders gut für die Verbreitung von Corona ist). Noch bedenkenswerter ist allerdings die eher lockere Hygiene-Auffassung meiner Jahrgangsgenossen, denn die meisten halten keineswegs den Mindestabstand ein. Wie auch, wenn 8 Leute um einen Tisch sitzen? Das Problem haben Lisa und ich an unserem Tisch zu zweit nicht. Zumindest tragen unsere Ortsgenossen Masken, während sie untereinander Weihnachtsgeschenke verteilen… Doch genug des Nachdenkens. Ich wollte an die frische Luft.

Als ich endlich draußen bin, habe ich auch nicht wirklich Ruhe. Ein Fenster steht offen und ich höre Filmmusik im Hintergrund. Da guckt wohl jemand Weihnachtsfilme am letzten Schultag. Ich lächle. In den kleineren Klassen haben wir das auch gemacht, jetzt können wir froh sein, wenn wir eine Geschichtsdokumentation schauen dürfen. Wir stehen kurz vor dem Abitur. Da gibt es weder Weihnachtsfilme noch zweite Chancen. Ich sollte wohl die Matheaufgaben zu Ende rechnen.

Neugierig, wie es weitergeht? Der Rest der Geschichte ist hier auf meinem Blog zu finden. Oder wollt ihr hier mehr über den Einfluss von Corona auf den deutschen Schulalltag nachlesen?

PS: Am 28.12.2020 erschien mein Artikel Neujahrsvorsätze.

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