Einfach Corona! – Letzter Schultag 2020

Lesedauer: 6 Minuten

EPN Hessen e.V.

SCHULSTORYS Schultage sind manchmal ziemlich seltsam. Vor allem, wenn man am letzten Schultag des Jahres Zeugnisse bekommt und gleich danach einen Mathetest schreibt. Und das alles unter Corona-Umständen.

Dienstag, 15.12.2020, 14:10 Uhr. Die Corona Fallzahlen sind so weit gestiegen, dass die Regierung nach anderthalb Monaten Lockdown-Light (die praktisch gesehen nichts gebracht haben) den richtigen Lockdown veranlasst hat. Endlich sollen auch die zwölften Klassen Fernunterricht erhalten. Und das ab morgen. Ich sitze alleine unten im Aufenthaltsraum unserer Schule. Es ist der letzte Block des letzten Schultages des Jahres. Ich lache in mich hinein. Ich bin schon echt arm dran.

Kleine Warnung: Diese Geschichte spiegelt meine Gedanken über den ganzen Schultag wieder und die können manchmal ganz schön verworren sein.

Mathetest

5:40 Uhr. Mal wieder überhöre ich den Wecker und werde von Mama geweckt. Der Tag an sich verspricht schön zu werden, wäre da nicht diese Kleinigkeit im letzten Block: Mathetest. Ich habe immer Angst vor Mathetests. Denn selbst, wenn man theoretisch alles verstanden hat, kann ein Blackout die gesamte Note ruinieren. Das habe ich bereits letztes Jahr erfahren und würde auf eine Wiederholung der Situation gerne verzichten.

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Ich spreche mir Mut zu. Mit dem Vorsatz, alle Möglichkeiten auf gute Noten auszunutzen, lerne ich noch einmal im Auto. Das hätte ich auch im Bus später tun können, aber obwohl jetzt durch den Wechselunterricht – der für gestern und heute gilt und dessen Sinnhaftigkeit für die Bekämpfung von Corona anzuzweifeln ist – der Bus leerer ist, erscheint der Bus mir nicht wie ein Ort, in dem man lernen sollte (liegt vielleicht auch daran, dass mir im Bus schnell übel wird). Da ich aber meine Kopfhörer vergessen habe, bleibt mir also nichts anderes übrig, als die mir so bekannte, noch im Dunkeln liegende Landschaft zu beobachten und mich mental auf den Tag vorzubereiten.

Morgenrot

Corona hält mich nicht davon ab, ein Foto des superschönen Sonnenaufgangs zu machen.

Morgenrot, schlecht Wetter droht. Das zweite Morgenrot innerhalb von zwei Tagen, denke ich mir, als ich im ersten Block am Fenster stehe und versuche, den Sonnenaufgang mit der HDR-Kamerafunktion meines Handys aufzunehmen. Gestern in der ersten Stunde hatte ich auch schon daran gedacht, eine ähnlich schöne Kulisse zu fotografieren, doch da waren gerade zu viele Menschen um mich herum, vor denen ich mich hätte rechtfertigen müssen. Jetzt hingegen sitzen wir – auch wieder wegen Corona – zu fünft in einem Raum und sehen das Ende des Films „Mario und der Zauberer“, während die anderen siebzehn Leute unseres Deutschkurses mit unserer Lehrerin über uns Unterricht machen (sehr sinnvolle 2-Raum-Aufteilung).

Wir sollen den Film mit dem Buch vergleichen und Gründe nennen, warum die Verfilmung so viel dramatischer ausgeht als das Original es vorsieht. (Achtung, Spoiler!) Faschismus ist das große Thema. Dieses totalitäre Machtsystem, das in Mario und der Zauberer durch den Zauberkünstler Cipolla verkörpert wird. Die Assistenten, die Cipolla im Film hat, verwirren uns. Fast alle Kartentricks und Zahlenspiele entfallen. Das Hypnotisieren bekommt einen komischen Unterton.

Doch das Seltsamste überrascht uns am Schluss. Nun stirbt nicht Cipolla und mit ihm der Faschismus, wie es im Buch beschrieben ist. Vielmehr bringt Cipolla Marios heimliche Liebe Silvestra dazu, den unschuldigen Mario zu töten. Der Faschismus zeigt also sein wahres Gesicht. Wir beginnen im Raum zu diskutieren. Wie es sein kann, dass keiner der Zuschauer die Dramatik der Situation erkennt. Denn erst im Nachhinein scheint man zu realisieren, was gerade wirklich passiert ist. Erst dann, wenn es schon längst zu spät ist, um noch irgendetwas dagegen zu unternehmen.

Corona – Hygieneregeln

Die Umsetzung der Hygieneregeln an unserer Schule erscheint oft mehr improvisiert als alles andere. So ist auch die Anweisung unserer Deutschlehrerin interessant, als es schließlich nach 50 Minuten zum Raumwechsel kommt. Während unsere siebzehn Mitschüler die Treppe hinunterlaufen und in den Raum gehen, in dem sie jetzt selbstständig – wie wir zuvor – das wunderbar dramatische Ende Marios analysieren sollen, stehen wir fünf Schülerinnen draußen auf dem Schulhof vor der Tür. Erst als die Wanderung beendet ist, dürfen wir uns in den oberen Unterrichtsraum begeben. So soll jeder Kontakt zwischen beiden Gruppen verhindert werden.

Ich will mich hier nicht beschweren, denn tatsächlich kann so eine kleine Gruppe von fünf Schülerinnen ganz angenehm sein – auch wenn sich dann die gesamte Unterrichtsmitarbeit auf 4 Schüler beschränkt. So vergeht der Rest des Deutschunterrichts. Ab und zu werfe ich meine Gedanken ein, denke aber gleichzeitig ernsthaft darüber nach, ob mir Schule in Corona-Zeiten besser gefällt. Immerhin – die Gänge sind leerer, die Busfahrt ist angenehmer und du wirst idealerweise nur 45 Minuten vom Lehrer beobachtet.

Schrecklich hingegen: Essen und Trinken im Gebäude sind verboten. Während meine Freundin Vini die Pause und anschließende Freistunde nutzt, noch Weihnachtsgeschenke in der Stadt zu kaufen, stehe ich mit vor Kälte abfrierenden Händen auf dem Schulhof und versuche zumindest halbwegs mein Frühstück zu genießen. Da kommt Lisa auf mich zu und meint, selbst die Pause dürfe man nicht mehr im Aufenthaltsraum verbringen. Unsere Erleichterung ist groß, als es endlich klingelt.

File:Coronavirus SARS-CoV-2.jpg - Wikimedia Commons

Auffassungen

Freistunde ist in meiner Welt nicht gleichbedeutend mit Freizeit. Denn natürlich habe ich mir noch Matheaufgaben für diese 90 Minuten vorgenommen. Zuallererst ist da diese eine, die ich schon gestern Abend herausgesucht habe, von der ich d), e) und f) aber nicht geschafft habe. Seufzend mache ich mich an die Arbeit.

Ich verrechne mich oft und kriege Kopfschmerzen. Ich beschließe, an die frische Luft zu gehen. Davon bekommt man im Aufenthaltsraum nicht genug, denn die Fenster, die es gibt, lassen sich nicht öffnen (was besonders gut für die Verbreitung von Corona ist). Noch bedenkenswerter ist allerdings die eher lockere Hygiene-Auffassung meiner Jahrgangsgenossen, denn die meisten halten keineswegs den Mindestabstand ein. Wie auch, wenn 8 Leute um einen Tisch sitzen? Das Problem haben Lisa und ich an unserem Tisch zu zweit nicht. Zumindest tragen unsere Ortsgenossen Masken, während sie untereinander Weihnachtsgeschenke verteilen… Doch genug des Nachdenkens. Ich wollte an die frische Luft.

Als ich endlich draußen bin, habe ich auch nicht wirklich Ruhe. Ein Fenster steht offen und ich höre Filmmusik im Hintergrund. Da guckt wohl jemand Weihnachtsfilme am letzten Schultag. Ich lächle. In den kleineren Klassen haben wir das auch gemacht, jetzt können wir froh sein, wenn wir eine Geschichtsdokumentation schauen dürfen. Wir stehen kurz vor dem Abitur. Da gibt es weder Weihnachtsfilme noch zweite Chancen. Ich sollte wohl die Matheaufgaben zu Ende rechnen.

Musterschüler

Im nächsten Block haben wir Physik. Ich verfolge den Unterricht sehr zu meinem Unwillen nur aus der vorletzten Reihe, weil alle Zweierbänke durch Corona aufgeteilt werden müssen. Doch was beschwere ich mich eigentlich? Wir haben Physik. Quantenphysik. Bekannterweise liebe ich Quantenphysik. Diese unglaublich klingenden Theorien, dass Wellen aus Teilchen bestehen können (und umgedreht!) übersteigen jegliche Vorstellungskraft. Und doch sitzen wir da und rechnen mit Zahlen von 9,1*10-31kg (das entspricht der Masse eines Elektrons und etwa 0,00000000000000000000000000000091 kg). Die ersten 70 Minuten vergehen wie im Flug.

Achtung, Corona: Quantenphysik
Sieht so die Quantenwelt aus?

Gerade fängt unser Physiklehrer – der uns nur zu gerne mit „Kinder“ oder „Leute“ anspricht – an, die üblichen Monatsbelehrungen vorzulesen. Es ist immer wieder interessant zu hören, vor welchen verrückten Sachverhalten man uns Schüler warnen will. Doch irgendwer muss schon einmal in eine nicht hochgegangene Silvesterrakete geguckt haben, um herauszufinden, ob sie noch funktioniert. Naja, dieses Problem wird Corona uns dieses Jahr ja ersparen … Auch auf die Physik kommt man oftmals zurück, wenn es etwa darum geht, sich auf Eisflächen flach hinzulegen, um auf die Eisschicht möglichst geringen Druck auszuüben und nicht einzubrechen. Ob es diesen Winter überhaupt Eis und Schnee geben wird, sei mal dahingestellt. Doch Klimawandel ist wieder ein anderes Thema. (Tatsächlich schneite es sogar sehr viel diesen Winter.)

Endlich kommt der Moment, auf den wir alle gewartet haben. „So, Leute“, sagt unser Physiklehrer, „dann wollen wir mal eure Leistungsnachweise austeilen“. Leistungsnachweise. Quasi Zeugnisse in der Oberstufe, deren Notenpunkte auch ins Abitur einfließen. „Musterschüler“ nennt er ein paar Leute, deren Notenpunkte er nach einem kurzen Blick für gut befunden hat. Ich sehe mir meinen Leistungsnachweis nicht noch einmal genau an. Was darauf steht, habe ich die letzten Wochen einzeln ausgerechnet. Und war überrascht, als mir ein Lehrerfehler im letzten Moment noch eine bessere Note beschert hat. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte (die übrigens hier gelesen werden kann).

Vorverlegt

12:30 Uhr. In 5 Minuten ist Mittagspause und bis dahin sollen wir noch im Physikraum bleiben. Ohne mich gebührend zu verabschieden kehre ich dem Tisch in der vorletzten Reihe den Rücken zu und gehe in die erste Reihe zu Vini und Philip, mit denen ich gleich den Mathetest schreiben werde. Philip kommt auf mich zu und fragt: „Hast du schon den Mathechat gelesen?“ Erstaunt blicke ich ihn an. Was soll es für Neuigkeiten geben? Unser Mathelehrer würde den Test niemals ausfallen lassen. „Wir sollen in 10 Minuten in den Raum. Der Test wurde vorverlegt.“ Wie vorverlegt? Mein Pulsschlag beschleunigt sich.

Ich lese den Chat. Unser Mathelehrer hat scheinbar einen Arzttermin um 14:15 Uhr vergessen und kurzerhand beschlossen, einfach 20 Minuten früher mit dem Unterricht zu beginnen. Der Schultag wird ja immer besser. Erst Corona, dann der Mathetest… Okay, ruhig bleiben, Maja. Du kannst das, du hast mehr als genug geübt. Wir gehen also gleich in den Matheraum. Da ich genau vor der Tür und somit dem Gang sitze, in dem auch unsere Schulleiterin und ihr Stellvertreter ihre Büros haben, drehe ich mich nach hinten um. Man soll nicht gleich sehen, dass ich heimlich (trotz der Corona-Hygieneregeln!) noch etwas esse. Weder will ich nach draußen gehen und möglicherweise den Beginn des Tests verpassen noch möchte ich hungrig in die Arbeit starten.

Langsam füllt sich der Raum. „Warum sagt er den Test nicht einfach ab?“, höre ich meine Mitschüler fragen. Immerhin sei jetzt der letzte Block des letzten richtigen Schultages im Jahr 2020. Und unter den ganzen Corona-Umständen … Doch diese Frage wird wohl für immer unbeantwortet bleiben. Die Überraschung ist auf jeden Fall riesig, als endlich die Aufgabenblätter für den Mathetest ausgeteilt werden. Die Fragestellungen kommen mir sehr bekannt vor. Tatsächlich ist es eine gekürzte Variante der gleichen Buchaufgabe, die ich bereits gestern und heute in der Freistunde mühevoll durchgerechnet habe. Freudestrahlend – was man natürlich unter meiner Maske nicht sehen kann – beginne ich zu rechnen.

Corona: Mathematik
Die erstaunliche Welt der Mathematik …

Und tatsächlich, ich komme wieder auf die gleichen Ergebnisse. Ob ich zweimal die gleichen Fehler gemacht habe? Nein, beruhige ich mich. Ich habe die Ergebnisse doch extra noch mit „desmos“ (einem total coolen Funktionsgraphen-Darstellungsprogramm) kontrolliert. Es müsste alles soweit stimmen.

Zehn Minuten vor Abgabe bin ich fertig. Ich schaue mich um, alle schreiben noch – selbst Philip, das Mathegenie. Gemütlich sehe ich die Aufgaben erneut durch – zweimal kontrollieren hat mich schon vor dem Abgeben so mancher Schusselfehler bewahrt. Abgabe. Immer noch gut gelaunt überreichte ich meine beschriebenen Blätter. Das ist mal ein guter Start in mein letztes Schulhalbjahr überhaupt. Meine ersten Notenpunkte in 12/2.

Bus verpasst

„Das war doch mal ein einfacher Test, oder?“, frage ich Vini. „Was hast du für einen Wendepunkt raus?“, unterbricht sie mich. „Mmh… bei (3/3,57) glaube ich.“ „Mist“, sagt sie und wendet sie an unseren Lehrer. „Ähm … Sie geben doch sicher wieder Folgefehler. Immerhin ist ja bald Weihnachten.“ „Aber das war doch ein einfacher Test, oder nicht?“, erwidert er. „Naja“, meint Vini, „es könnte ganz vielleicht sein, dass ich den falschen Wendepunkt ausgerechnet habe…“ „Das passiert dir anscheinend in letzter Zeit öfter“, stellt der Lehrer fest. Tatsächlich. Seit ihren 15 Notenpunkten in der letzten Matheklausur hat Vini so manchen ungünstigen Fehler in ihre Tests eingebaut.

„So einen einfachen Test kriegt ihr nicht noch mal von mir. Hier war es gut möglich 14 und 15 Punkte zu schreiben“, sagt unser Mathelehrer gerade. Das ist dann wohl seine Art eines Weihnachtsgeschenkes, denke ich. Oder ein Corona-Bonus? Ich schmunzle. Doch meine gute Laune erhält einen Dämpfer, als besagter Lehrer hinzufügt: „5 Minuten machen wir noch“. Er nennt zwei Buchseiten. Das ist eigentlich gut, oder? 40 Minuten früher Schluss.

Für mich leider nicht, denn würde ich jetzt losrennen, würde ich den Bus eine Stunde früher am Bahnhof vielleicht noch schaffen. Natürlich könnte ich auch fragen, ob ich früher gehen darf. Doch irgendein Gefühl sagt mir: Hey, du musst dich nicht abhetzen. Ich bleibe also, finde aber nicht die Motivation, noch mit den genannten Aufgaben anzufangen.

Als wir Schluss haben, ist es tatsächlich Punkt 14 Uhr. Vini und Philip sprinten los, sie haben noch eine realistische Chance, ihren Bus zu kriegen. Schöner Abschied, würde ich sagen. Ich lache. In den Armen halten könnten wir uns wegen Corona eh nicht. 15 Minuten später schreibt Vini mir, sie säßen im Bus. Ich hingegen hocke schon zum zweiten Mal an diesem Tag im jetzt fast völlig leeren Aufenthaltsraum.

Zum Glück bin ich nicht ganz allein. Nach ein paar Minuten kommt ein Mitschüler aus meinem Mathekurs zur Tür herein. „Schon witzig“, sage ich, „dass wir im letzten Block des letzten Schultages des Jahres alleine hier im Aufenthaltsraum sitzen.“ In diesem Moment kommt mir der Gedanke, dass das, was ich an diesem verrückten Corona-Tagerlebt habe, es vielleicht wert wäre, aufgeschrieben zu werden.

Tipp: Ihr bekommt gar nicht genug von Corona? Hier könnt ihr mehr über den Einfluss von Corona auf den deutschen Schulalltag erfahren. Oder wollt ihr mehr über mich erfahren? Lest hier über mein 2020.

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