Chaos-Stunde – Ethik mal anders

Lesedauer: 8 Minuten

Ethik: Schulhof
Frühmorgens auf unserem Schulhof …

SCHULSTORYS Als ich den Ethikraum betrete, habe ich noch keine Ahnung, wie verrückt diese Unterrichtsstunde werden wird. Ich habe nicht erwartet, dass es ein kleines Problem mit der Bewertung unserer letzten Klausur gab und dass dieses Problem so Einiges mit sich zieht.

Freitag, 7:07 Uhr. Ich stehe auf dem Osthof unserer Schule und warte auf das Klingelzeichen zur ersten Stunde. Da kommen Vini und Philip vom Bus. Sie haben es echt gut, dass ihr Bus vergleichsweise spät kommt, während ich jeden Morgen vor Stundenbeginn 10 Minuten draußen in der Kälte stehe. Naja, so werde ich zumindest wach.

Mit annähernd 1,5 m Abstand (Corona!) bleiben die beiden vor mir stehen. „Na, Lust auf Ethik?“, fragt Philip. „Auch einen guten Morgen“, erwidere ich. „Und ja, natürlich habe ich Lust auf Ethik.“ Das ist Ironie. Normalerweise sind wir alle vor der ersten Stunde nicht sonderlich motiviert. „Wir bekommen die Ethikklausur zurück“, sage ich. Philip lacht. „Oh ja, wird ja auch langsam mal Zeit.“

Die Notenliste

10 Tage zuvor. Wir haben Freistunde und ich sitze mit Lisa im Aufenthaltsraum. „Wir können heute unsere Ethiknoten abholen“, erinnert sie mich. Mein Herzschlag beschleunigt sich. „Stimmt! Das stand in unserem Ethikchat.“ Leider hatte kein gutes Gefühl beim Schreiben der Arbeit. „Weißt du zufällig, wo wir Frau Koch finden können?“, frage ich Lisa. Frau Koch soll die Liste mit unseren Klausur- und auch den Endnoten haben. Unsere eigentliche Ethiklehrerin, Frau Lind, ist bereits seit mehreren Wochen krank. Das Problem dabei: Freitag ist Notenschluss. Es bleibt also nicht mehr viel Zeit für die Klausurrückgabe.

„Ich habe jetzt mit Frau Koch Deutsch“, holt mich Lisa in die Gegenwart zurück. „Oh gut“, antworte ich, „dann komme ich gleich mit.“ Wir betreten Lisas Deutschraum. Für einen Moment muss ich mich orientieren. So viele Jahrgangsmitglieder, deren Gesichter ich nicht alle auf den ersten Moment erkenne. „Ach, Maja“, sagt da Frau Koch. Sie kennt mich noch aus dem letzten Sportkurs. „Du kommst wegen der Ethiknoten?“ „Ja.“ „So“ – sie scannt die Liste – „das wären dann 14 Notenpunkte in der Klausur und 13 Notenpunkte insgesamt.“ Oh! Ich muss mich kurz sammeln, dann nicke ich. „Ja, danke.“

Auf dem Weg zur Tür flüstere ich Lisa, welche mittlerweile an ihrem Platz steht, zu: „Ich hab 14 Punkte! Viel Glück dir.“ Ich selbst staune über die 14 Notenpunkte, das ist immerhin eine glatte Eins. Damit habe ich definitiv nicht gerechnet.

Glück und Enttäuschung

Zurück in der Gegenwart. „Ich habe heute nur zwei Blöcke Unterricht“, stellt Philip gerade fest. „Schön für dich!“, erwidern Vini und ich im Chor. Wir haben noch Geschichte in der letzten Stunde. Das typische Spiel am Freitagmorgen: In der A-Woche hat die Mehrheit des Jahrgangs am Freitag nur bis 10:45 Uhr Unterricht, während der andere Teil (zu dem Vini und ich gehören) an diesem Tag normal drei Unterrichtsblöcke hat. In der B-Woche dreht sich der Spieß um. Es ist 7:10 Uhr und die Schulklingel ertönt. „Bis nachher“, rufe ich Vini zu und mache mich mit Philip auf den Weg zum Ethikraum.

Nachdem ich ausgepackt habe, rutsche ich rüber zu Philip. (Wir sitzen beide in der ersten Reihe, aber zwei Stühle voneinander entfernt.) „Was hast du eigentlich in der Klausur?“ „09 Punkte.“ Eine 3+ also. „Das ist doch ganz gut, oder wie stehst du in Ethik?“, frage ich. „Naja“, sagt er, „ich stand 9,5 und hätte 10 gebraucht.“ „Oh je, das tut weh.“ Leider passiert so etwas bei unserem 15-Notenpunkte-System viel zu häufig. Und dann bedeutet ein Fehler in einer Arbeit gleich eine schlechtere Zeugnisnote.

Mit einer Minute Verspätung betritt Frau Lind 7:21 Uhr den Raum. Sie begrüßt uns und verteilt unsere Klausuren. Wie erwartet gab es nur 20 zu erreichende Punkte. Das heißt übersetzt: Mit jedem fehlenden Punkt verringert sich auch die Notenpunktzahl. Ich blicke auf meine Arbeit. 19 von 20 Punkten! Das ist wahnsinnig viel, wenn man bedenkt, dass ich mit der Textarbeit in der dritten Aufgabe nach meiner eigenen Einschätzung überhaupt nicht klargekommen bin. Der Auswertung der Aufgaben folge ich trotzdem sehr aufmerksam. Mal abgesehen davon, dass ich in Ethik meine mündliche Prüfung ablegen will, bin ich gerade einfach gut drauf. Doch nicht alle Gesichter meiner Mitschüler sehen glücklich aus.

Interessante Wendung

Wir sind am Ende der Auswertung angekommen, als Luca sich meldet. Ich mag Luca und seine Art, über alles zu diskutieren. In Ethik selbst hat er so schon viele Impulse in die unterschiedlichsten Richtungen gegeben, in die ich selbst niemals gedacht hätte. Jetzt im Moment hingegen scheint sein Interesse, die bessere Notenpunktzahl in der Klausur zu bekommen, zumindest bei Frau Lind nicht gut anzukommen. Er ist nicht der Einzige. Die Diskussion im Kurs dreht sich bald um halbe Punkte. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Ich selbst bin mit meinem Ergebnis zufrieden. In Ethik stand ich immer schon 13 Punkte. Der Hang zur 14 verspricht für mich also eine Verbesserungschance für nächstes Halbjahr.

Bei einem Satz horche ich dann allerdings doch auf. „Aber Frau Lind“, sagt Luca, „85% von 20 Punkten sind 17. Ich müsste noch die 13 Notenpunkte bekommen.“ In unserem Schulsystem gibt es feste Prozentzahlen, ab wann man bei welcher Gesamtpunktzahl welche Notenpunkte bekommt. Und ebendiese Zahlen kramt der ganze Kurs gerade hektisch heraus, um die eigene Notenpunktzahl zu berechnen. Frau Lind hingegen guckt bestürzt. „Ich habe doch alles händisch kalkuliert, weil ich auch mit halben Punkten rechne. Wie viele Punkte hattest du noch einmal?“ Sie rechnet Lucas Punktzahl nach. „Du hast Recht“, murmelt sie dann, „betrifft das noch jemanden?“ Einige Schüler melden sich.

„Und genau deshalb, dass so etwas nicht passiert, gehe ich die Noten immer vorher mit den Schülern durch.“ Frau Lind kämpft mit sich. „Das ist mir noch nie passiert. Frau Nost“ – unsere Oberstufenkoordinatorin – „wird sehr wütend sein.“ Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass unsere Ethiklehrerin bei ihrer Korrektur mit 21 Gesamtpunkten (statt mit 20) gerechnet hat, sodass sich bei sehr vielen Schülern die Klausurnote nach oben verschiebt – und damit die Gesamtnote des Kurshalbjahres.

Auch meine Zensur ändert sich: Ich soll tatsächlich 15 Punkte in der Klausur haben. Macht 14 Punkte für mein Zeugnis – was die einzige Verbesserung in einem Fach im Vergleich zu letztem Halbjahr bedeuten würde. So weit, so gut. Leider war letzte Woche bereits Notenschluss und unsere Zeugnisse liegen fertig ausgedruckt und von unserer Schulleiterin unterschrieben bei Frau Nost.

Das bedeutet Ärger

Um den Überblick zu behalten, ruft Frau Lind jeden Schüler einzeln nach vorne. Der Rest der Klasse soll sich währenddessen unsere Stillarbeit der letzten Stunde (Frau Lind hatte Aufgaben verteilt, während sie krank war) noch einmal ansehen. „Was hatten wir denn genau auf?“, fragt jemand im Raum. „Ich hatte euch das auf Fuxnoten hinterlegt“, sagt die Lehrerin. „Aber auf dem Vertretungsplan stand, die Aufgaben seien in der EmuCloud“, lautet die Antwort des Kurses.

Ach ja, unsere Schule und Technik. Durch Corona war man gezwungen, online Mittel zu errichten, über welche Schüler und Lehrer kommunizieren können. So entstanden die EmuCloud, um Dateien hochzuentladen und abzurufen bzw. Fuxnoten, um den Schülern Aufgaben mitzuteilen. Mit Fuxnoten hatten wir in der Vergangenheit aber kaum zu tun. Ich selbst hatte ja sogar noch Philip letzte Woche gefragt, ob jetzt etwas für Ethik zu erledigen war, weil in der Cloud nichts stand. Wir waren übereingekommen, dass es wohl keine Aufgaben gab.

Erst vor ein paar Tagen erfuhr ich von Lisa, dass in Fuxnoten stand, wir sollen uns die naturethischen Ansätze ansehen. Gewissenhaft habe ich das erledigt, aber natürlich vergessen, Philip Bescheid zu sagen. „Wer hat jetzt alles nichts gemacht?“, fragt Frau Lind nun. Fast die gesamte Klasse meldet sich. Unsere Lehrerin tut mir in diesem Moment leid. Sie schickt zwei Jungs, die Ethikbücher aus dem Nebenraum zu holen und zu verteilen. Wir sollen die Aufgaben dann eben jetzt erledigen, während Frau Lind die Punktzahlen mit uns abgleicht.

Die Aufklärung ihres Fehlers bringt letztendlich insgesamt 6 Schülern eine bessere Zeugnisnote; Philip, Luca und mich eingeschlossen. Luca selbst steht zwar Kippe, doch aufgrund seiner Mitarbeit bleibt Frau Lind nichts anderes übrig als zu sagen: „Wenn Luca nicht die bessere Note bekommt, wer dann?“ Zum Beweis, dass er die bessere Note auch verdient hat, soll er mit der Klasse die Aufgaben auswerten, während Frau Lind gleich zu Frau Nost geht und ihr die schlechten Nachrichten überbringt. „Sie wird nicht erfreut sein, sie wird ganz und gar nicht erfreut sein“, murmelt die Ethiklehrerin, als sie aus dem Raum geht.

Neues Tafelbild

„Okay.“ Luca wendet sich an den Kurs. „Hat wer die Aufgaben gemacht und möchte sie vorstellen?“ Totenstille im Raum. Ich melde mich nicht, denn ich weiß, Luca wird sowieso auf mich zurückkommen. Tatsächlich. „Maja“, sagt er gerade, „du möchtest doch bestimmt die Lösungen vorstellen.“ Ich lache und erwidere: „Ich kann dir gerne helfen, aber vorstellen musst du es schon. Schließlich hat Frau Lind dich beauftragt.“ Wir stehen auf und gehen zur Tafel; er mit seinem Buch, ich mit meinen Aufzeichnungen. „Du diktierst, ich schreibe?“, frage ich. „Ich schreib erst einmal die Überschrift an“, meint Luca.

„Wir kriegen niemals alles auf diese Tafel“, bemerke ich, als die Überschrift ziemlich groß am oberen Rand zu lesen ist. Ich klappe die Tafel auf. Jetzt haben wir doppelt so viel Platz. Es gibt eine kurze Diskussion darüber, wer was genau anschreibt, bis Luca kurzerhand beschließt: „Ich zeichne mal ein Mengendiagramm.“ Ganz der Mathematiker eben.

Lisa gesellt sich zu mir und fragt, ob sie mir diktieren soll, während ich schreibe. „Wenn du meine Aufzeichnungen lesen kennst, ja.“ Ich habe doch bestimmt schon einmal meine nicht hundertprozentig lesbare Schrift erwähnt, wenn ich schnell schreibe? Lisa kann es auf jeden Fall entziffern und so beginne ich, die ersten zwei Naturethiken stichpunktartig anzuschreiben. Luca hat in der Zwischenzeit die anderen beiden Sichtweisen an der Tafel zusammengefasst, sodass ich nur noch ein paar Kleinigkeiten hinzufügen muss.

Naturethiken: so oder so ähnlich muss unser Tafelbild ausgesehen haben. Mehr Infos zu dem Thema gibt’s hier.

Jetzt holt er farbige Kreide und zieht damit die Striche des Mengendiagramms nach, während er spricht: „Das soll ja auch so aussehen, als hätten wir uns etwas dabei gedacht.“ Frau Lind betritt den Raum, während sie sagt: „Ich lebe noch und die Zeugnisse werden geändert.“ Sie seufzt und betrachtet das Tafelbild. „Das sieht ja schon einmal gut aus. Habt ihr die Themen durchgesprochen?“ Wir versichern ihr, das hätten wir gerade vorgehabt und gehen an unseren Platz.

„Möchte jemand vorstellen, was wir angeschrieben haben?“, beginnt Luca. Und nun, was soll ich sagen? Nach anfänglichem Zögern des Kurses kommt Leben in unser Tafelbild, das laut Frau Lind „sehr anschaulich“ ist. „Da hast du dir die bessere Note verdient“, sagt unsere Lehrerin zu Luca, kurz bevor es zur ersten Pause klingelt. Ich gehe mit einem Lächeln zur Tür. Auch Philip scheint zufrieden. Mit der besseren Note hatten wir wohl beide nicht gerechnet. Jetzt muss ich nur noch den Rest des Tages überstehen, auch wenn der bestimmt nicht so interessant wie diese Ethikstunde wird.

Anmerkung: Diese Ethikstunde hat sich wie beschrieben ereignet. Lediglich die Namen der Lehrer habe ich verändert.

Einen weiteren witzigen Schultag erlebte ich übrigens nur etwas später. Die ganze Geschichte erfahrt ihr hier. Ansonsten geht es für Interessierte hier zu meinem typischen Wochenend-Ablauf.

2 Antworten auf „Chaos-Stunde – Ethik mal anders“

  1. Ich habe mir diesen Eintrag eben durchgelesen und muss sagen, dass er definitiv meinen Abend bereichert hat.
    Er war wirklich sehr ausführlich und detailliert geschrieben, wodurch man der Geschichte wirklich gut folgen konnte. Ebenfalls gefällt mir das Einbringen eines Mengendiagramms, plus die zusätzliche visuelle Veranschaulichung hier in dem Blogeintrag- es überliefert einen guten Überblick über das von euch behandelte Thema.
    Es freut mich, dass ein paar von euch noch die bessere Note erhalten haben und somit alles gut ausgegangen ist. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg in der fortlaufenden Schulzeit und freue mich auf weitere Blogeinträge!

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