Gibt es einen Gott? – 8 Minuten Religionsphilosophie

Lesedauer: 8 Minuten

ETHIK ERKLÄRT – TEIL 3

Gibt es einen Gott?
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WISSENSWERTES Im Verlauf der Menschheitsgeschichte haben sich zahlreiche Religionen in den unterschiedlichsten Ausprägungen entwickelt. Sie alle verbindet der Glaube an etwas Übernatürliches. Doch was ist es genau, dieses transzendente Wesen, und lässt sich seine Existenz nachweisen?

Rund 95% der Menschen auf der Erde sind gläubig. Doch was heißt „gläubig sein“ überhaupt? Der Glaube an einen Gott? Nun, das nennt man Monotheismus. Der Glaube an viele Götter? Polytheismus. Weltweit gibt es mindestens 9.900 eigenständige Religionen. Sind sie alle gleich wahr? Bekannt sind vor allem die fünf Weltreligionen: das Christentum, das Judentum der Islam, der Buddhismus und der Hinduismus. In diesem Artikel soll es um die Grundfragen der Religionsphilosophie gehen.

Anmerkung: Die Religionsphilosophie vermag es nicht, die Existenz oder Nicht-Existenz eines Gottes (oder mehrerer Götter) zu beweisen. Mit diesem Artikel möchte ich niemanden angreifen oder über Religionen jeglicher Art urteilen. Ich werde lediglich einige Denkanstöße aus der Religionsphilosophie näher beleuchten.

Was ist „Religion“?

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, möchte ich zunächst auf den allgemeinen Begriff der Religion eingehen. Eine „Religion“ bezeichnet die Vorstellung von etwas Transzendentem. Es handelt sich um eine Weltanschauung, die über das Verhältnis zwischen Menschlichem und Göttlichem spricht, dabei den Weg zum Glück beschreibt und Handelsmaßstäbe setzt. Grob gesagt, hat die Religion also vier Funktionen:

File:Fünf Säulen des Islam.svg - Wikimedia Commons
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F%C3%BCnf_S%C3%A4ulen_des_Islam.svg
  • die weltanschauliche Funktion: Religion deutet die Welt und ihre Entstehung und schafft ein gewisses Menschenbild.
  • die psychische Funktion: Sie bietet Halt, Glück, Hoffnung oder einen Sinn des Lebens.
  • die belehrende Funktion: Sie setzt Wertmaßstäbe oder beschreibt kultische Normen (wie ein tägliches Gebet).
  • die gesellschaftliche Funktion: Sie vermittelt Werte für die (Religions-)Gesellschaft.

Am Beispiel des Islam bedeutet das: Allah als einziger Gott gilt als Schöpfer und Richter mit seinem Gesandten Mohammed (weltanschauliche Funktion). An ihn können sie sich in schweren Zeiten als Beschützer wenden, der Islam gibt also seinen Anhängern in gewisser Weise Halt (psychische Funktion). Es werden kultische Normen gesetzt, etwa das fünfmalige tägliche Gebet (belehrende Funktion) oder die Almosengabe wohlhabender Muslime (gesellschaftliche Funktion).

Wie finde ich zu Gott? – Thomas von Aquin

Thomas von Aquin (1225 – 1274) war einer der bedeutendsten katholischen Philosophen der Geschichte. Er zeigte seine 5 Wege zu Gott auf (welche ich im Folgenden zusammengefasst habe) und setzte somit auch einen wichtigen Grundstein für seine späteren Gottesbeweise.

  1. Dinge bewegen sich: Nichts bewegt sich von selbst, es muss einen Auslöser (Erstbeweger) geben, der von nichts Anderem bewegt wird – und das ist Gott.
  2. Wirkungen werden durch Ursachen hervorgebracht: Nichts ist die Ursache seiner selbst. Diese muss außerhalb seiner selbst und zeitlich vorher liegen. Wenn nun aber jede Wirkung eine Ursache von außerhalb braucht, entsteht eine Ursache-Wirkungen-Kette ohne Anfang. Schließlich muss es eine Erstursache gegeben haben, die sich selbst verursacht hat. Und diese soll Gott darstellen.
  3. Mögliche setzt notwendige Existenz voraus: Alles (auch die Gedanken) ist zwar existent, aber es ist nur möglich (es muss nicht notwendigerweise existieren) und braucht erst eine „Kraft“, um wirklich zu werden. Damit existiert quasi nichts. Es muss also eine notwendige Existenz geben, die unter allen Umständen existiert und dafür sorgt, dass alles andere auch wahr wird.
  4. Die Dinge besitzen einen unterschiedlichen Vollkommenheitsgrad: Alles kann in einem System unter-/übergeordnet werden, ob es jetzt schön ist oder hässlich, wahr oder falsch; außer eines: Das, was an der Spitze steht und unendlich vollkommen ist, muss etwas Transzendentes, also ein „Gott“ sein.
  5. Alles Sein besitzt eine innere Zielrichtung: Nichts existiert zufällig, sonst gäbe es dieses Zusammenspiel zwischen allem Existenten nicht – jemand muss das Leben auf der Erde lenken.

Wir besitzen Moral“ – Vier bekannte Gottesbeweise

Sogenannte „Gottesbeweise“ gibt es zahlreichen Varianten. Die Beweise, die ich hier anführe, sollen nicht – wie man zunächst vermuten würde – die Existenz Gottes` beweisen. Sie sind mehr philosophische als theologische Fragen, Ziel ist also keine eindeutige Antwort. Es geht eher um die Frage nach dem Ursprung und der Berechtigung der menschlichen Vorstellung eines göttlichen Wesens und handelt sich um einen Versuch, den Glauben mit rationalen, stichhaltigen Argumenten zu stützen und durch Anwendung von Methoden der Logik nachvollziehbar zu machen.

Das Kausalitätsprinzip: Jedes Ereignis verursacht ein weiteres. Doch wo liegt der Erstauslöser?
  1. Der Ontologische Beweis (Anselm von Canterbury, gestorben 1109) geht von der Definition Gottes aus: Gott existiere in Gedanken und sei das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann. Da Realität immer eine größere Vollkommenheit als Gedanken besitzt, müsse Gott real sein. Zumal das Vollkommenste/Höchste außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft liegt (also transzendent sein muss = Stufenbeweis) …
  2. Der Teleologische Beweis (griech. „telos“ = Ziel) von Thomas von Aquin baut auf seinem fünften Weg zu Gott auf: Alle Dinge sind mit übergeordnetem Ziel zweckmäßig angeordnet; einem Ziel, das kein Lebewesen (auch der Mensch nicht) versteht. Da alles funktioniert und es so vielfältige Typen von Erscheinungen gibt, muss die Welt von einem intelligenten Wesen erschaffen worden sein.
  3. Der Kosmologische Gottesbeweis (Thomas von Aquin) besagt, dass nichts Ursache seiner selbst ist. Diese muss außerhalb seiner selbst und zeitlich vorher sein (vgl. zweiter Weg zu Gott).
  4. Immanuel Kant (1724 – 1804) kritisierte alle vorigen Gottesbeweise. 1.    könne man nicht von etwas Ideellem auf etwas Reales schließen, 2.    gebe es auch Unvollkommenheiten in Natur, zumal es sich lediglich um einen Lenker (Demiurgen), keinen Welterschaffer (Gott) handeln könnte und 3. würde dieses Gesetz nur innerhalb unserer eigenen Sinnenwelt beobachtet. Als aussagekräftig sah er lediglich den moralischen Gottesbeweis an: Moralität/Sittlichkeit/Gewissen ist dem Menschen gegeben – jemand muss dies veranlasst/so gewollt haben.

Warum lässt Gott uns leiden? – Theodizee-Frage

Wie überzeugend man die Gottesbeweise auch fand; eine weitere Frage drängte sich zwangsläufig immer wieder in das Bewusstsein des Menschen: Wie kann der Glaube an einen allgütigen und allmächtigen, allwissenden Gott mit der Existenz des Leids und Übels in der Welt in Einklang gebracht werden? – Diese Frage, welche in verschiedenen Religionen auch unterschiedlich beantwortet wurde, nennt man das Theodizee-Problem. Erstmals wurde es bezeichnet von Gottfried Leibniz (1646 – 1716). Dieser war der Meinung, Gott habe aus vielen Welten die bestmögliche Welt erschaffen (Leonardo-Welt), zumal Übel nicht prinzipiell schlimm seien, sondern auch ihren Sinn hätten.

Im Christentum fanden sich grundsätzlich zwei Erklärungsansätze:

  1. Gott gilt als Erstbeweger und Beobachter, d. h. er hat zwar die Welt geschaffen, doch der Mensch hat das Paradies durch Sünde zerstört und ist am seinem Leid selbst Schuld.
  2. Das Universum hat den Zweck, den Menschen zur Entwicklung anzutreiben. Wenn es kein Leid gibt, wie sollen wir dann das Gute erkennen und uns weiterentwickeln? (dies nennt man Gut-Böse-Dualismus: Gut und Böse müssen im Einklang sein, so gibt es 7 Tugenden und 7 Todsünden)

Im Judentum gilt niemand als völlig unschuldig („Erbsünde“). Und im Islam ist bereits das Zweifeln eine Sünde, da Leid und dessen Erduldung eng verbunden mit Dankbarkeit für bloße Existenz sein sollen.

Opium des Volkes“ – Religionskritik

Kritische Aussagen gegenüber Religion im Allgemeinen fast man unter den Begriff Religionskritik zusammen. Damit ist also (ähnlich wie bei den Gottesbeweisen) kein Beweis für die Nicht-Existenz Gottes, sondern eine rationale Auseinandersetzung mit Aussagen, Funktionen, Entstehung, Institutionen usw. von Religion gemeint. Im Laufe der Geschichte haben sich besonders folgende drei Philosophen mit ihrer Religionskritik herausgetan:

von links: Sigmund Freud, Ludwig Feuerbach und Karl Marx

Nach Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) ist Gott nur eine „Projektion des Menschen“. Dies deutet laut ihm auf eine „verkehrte Welt“ hin, denn in Wirklichkeit habe nicht Gott den Menschen geschaffen, sondern der Mensch die Gottesfigur als Leitbild. Damit der Mensch sich selbst wieder das höchste Wesen ist (und die Selbstentfremdung aufgelöst wird), müsse Gott abgeschafft werden.

Sigmund Freud (1856 – 1939) bezieht sich bei seiner Religionskritik auf sein Instanzenmodell. Dem Menschen sei nicht bewusst, dass er triebgesteuert, hilflos und unselbstständig ist. Religion sieht er als wirklichkeitsverzerrende Illusion und „vom Menschen geschaffene Vaterfigur“, um die Probleme bewältigen zu können. Religion sei kein Irrtum und auch nicht falsch, habe sogar positiven Effekt auf manchen Menschen. Es sei aber nicht der Gesellschaft angepasst und führe zu Abhängigkeit oder zwanghaftem Verhalten. Bei diesen „Zwangsneurotikern“ überwiege das Über-Ich mit seinen unabdingbaren Moralvorstellungen, während die Triebe unterdrückt werden.

Karl Marx (1818 – 1883) bezeichnet die Religion als „Opium des Volkes“. Sie schafft ein Scheinglück, um das Leid zu ertragen, ist jedoch wahrnehmungsverzerrend (der Mensch betrügt sich selbst) – so die Theorie. Dabei erfüllt sie zwei Funktionen; die Protestfunktion (Idealbild der Welt = herausfordernder Gegensatz zur Realität) und die Trostfunktion (Hinwegtrösten über Leben). Sie sei ein Unterdrückungsinstrument für Arme und eine Selbstberuhigung für Reiche. Ziel sollte laut Marx sein, soziale/politische Verhältnisse umzukehren (Klassenkampf …), damit Gott überflüssig wird.

Ist Religion überflüssig? – Verhältnis zur Wissenschaft

Heutige Religionskritiker berufen sich oft auf neueste Erkenntnisse der Wissenschaft: Wozu brauche man einen Gott, wenn die Wissenschaft alles erklären könne? Doch Glaube und Wissenschaft müssen sich nicht zwangsläufig wiedersprechen. Zum Verhältnis zwischen Glaube und Wissenschaft äußerte sich auch Albert Einstein (1879 – 1955) einmal: Beide sollen toleriert werden und widersprechen sich nicht, mehr noch: sie bedingen einander, denn sie fragen nach dem absoluten Wissen sowie Sinn und Zweck des Daseins. Dabei schafft die Religion Geheimnisvolles, während die Wissenschaft versucht, dies zu erklären …

So gibt es nicht wenige Wissenschaftler, die offen zugeben, religiös zu sein; etwa, indem sie an eine die Natur lenkende Kraft glauben. Denn wenn wir ehrlich sind, vermag es die Wissenschaft für keine einzige Religion, die Existenz oder Nicht-Existenz übernatürlicher Wesen zu beweisen. Und so bleibt die Beantwortung der Frage: Gibt es einen Gott? bei jedem Einzelnen.

Ich hoffe, ich habe euch mit diesem – wirklich nur kurzen – Einblick in die Religionsphilosophie etwas zum Nachdenken angeregt oder ein paar Denkansätze geliefert, mit denen ihr jetzt für euch selbst die Frage im Titel des Artikels beantworten könnt. Aufgrund des Umfangs konnte ich leider nicht auf einzelne Religionen eingehen. Wen diese interessieren, kann gerne hier nachlesen.

Mehr zu ETHIK EKLÄRT

  • Teil 1: Erkenntnistheorien im Überblick
  • Teil 2: Moralische Prinzipien einfach erklärt

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