Darstellung, Quelle und Co. – 6 Methoden des Fachs Geschichte einfach erklärt

Lesedauer: 14 Minuten

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ARBEITSMETHODEN Grundlegende Methoden im Umgang mit historischen Quellen oder Statistiken sind wichtige Voraussetzungen für das erfolgreiche Absolvieren des Fachs Geschichte in der Oberstufe. Denn auf diesen Methoden basieren alle Aufgabenstellungen des Abiturs.

Meine Geschichtslehrerin hatte mich schon früh gewarnt, dass Geschichte in der Oberstufe deutlich anders sein würde als zuvor. Heute weiß ich, was sie meinte: Geschichte ist einfach anstrengend und für kaum ein anderes Fach muss ich so viel meiner Freizeit investieren. Doch abgesehen von dem umfangreichen Lernstoff ist Geschichte ein eigentlich dankbares Fach, denn die Aufgabenstellungen orientieren sich meist an einer Auswahl grundlegender Methoden.

In diesem Artikel stelle ich alle wichtigen Methoden vor, nämlich wie du

  1. Darstellungen und Quellen interpretierst
  2. eigene Darstellungen verfasst
  3. Statistiken auswertest
  4. Karikaturen/Plakate interpretierst
  5. eine historische Erörterung schreibst
  6. einen inhaltlich kohärenten Aufsatz verfasst

1 Darstellungen/Quellen interpretieren

Methode: historische Quelle auswerten
Auch das ist eine historische Quelle.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_
Judenprivileg#/media/Datei:2017-08-12-
Judenprivileg_im_K%C3%B6lner_Dom-3605.jpg

Als Quellen bezeichnet man alle Sachzeugnisse (z. B. Bauwerke, Malereien) sowie Gebrauchsgegenstände, Sprachen etc., welche uns historische Kenntnisse vermitteln. Schriftliche Quellen unterteilt man zudem in erzählende Quellen (z. B. Chroniken, Biografien) und dokumentarische Quellen (etwa Urkunden, Akten, Zeitungen).

Die Veröffentlichung des Ergebnisses, welches Historiker aus ihrer Arbeit mit historischen Quellen ziehen, erfolgt meistens in Form von Darstellungen. Dort beschreiben sie wissenschaftliche Erkenntnisse sowie eigene Schlussfolgerungen und Bewertungen. Fachwissenschaftliche Darstellungen richten sich an ein professionelles Publikum und sind in historischer Fachsprache verfasst, während populärwissenschaftliche Darstellungen ein breites Publikum auch außerhalb von Akademikerkreisen ansprechen. Hier verzichtet man auf detaillierte Literaturverweise und stellt die historischen Zusammenhänge eher gekürzt und einfach verständlich dar.

Die Interpretation von Quellen und Darstellungen erfolgt nach gleicher Methode. Aber Achtung: Eine Darstellung ist keine Quelle! Auch wenn ich in der folgenden Vorgehensweise immer von Quellen spreche, solltest du die Begriffe in deinem Aufsatz nicht durcheinanderbringen.

A) Leitfrage

  • Diese kann in der Aufgabenstellung bereits vorgegeben sein. Wenn nicht, musst du sie selbst aufstellen und dafür entweder das Hauptthema der vorliegenden Quelle oder das Thema der Untersuchung der Quelle aufgreifen.

B) Formale Analyse

  • Verfasse einen Tattz-Satz für die Quelle (Titel, Autor inkl. seines Amtes/der sozialen Stellung etc., Textsorte wie Brief/Rede/Vertrag usw., Thema, Zeit und Ort der Erstveröffentlichung).
  • An welche Adressaten richtet sich der Text?
  • Gab es einen konkreten Anlass für die Veröffentlichung oder verfolgt der Autor bestimmte Interessen/Intentionen?

C) Inhaltliche Analyse

  • Was sind die wesentlichen Textaussagen? Mit welchen Argumenten begründet der Autor seine Position (in einer Darstellung)?
  • Welche Begriffe sind von besonderer Bedeutung? Wie ist die Textsprache (sachlich, appellativ, emotional, manipulierend, …)?
  • Welche Wirkung soll der Text beim Leser bewirken?

D) Historischer Kontext

  • Führe genauer aus, auf welches historische Ereignis/welchen Konflikt/welche Epochen sich die Quelle bezieht. Kläre an dieser Stelle auch im Text vorkommende geschichtliche Fachbegriffe.

E) Urteil

  • Sachurteil: Welchem politisch-ideologischen Standpunkt ist der Autor zuzuordnen? Ist der Text glaubwürdig/fachlich richtig/schlüssig aufgebaut? Kannst du Rückschlüsse auf andere Quellen/Historiker ziehen? Welche Problematisierung ergibt sich aus dem Text?
  • Werturteil: Wie lassen sich die Aussagen heute im Hinblick auf die Leitfrage beantworten?

2 Eine Darstellung verfassen

File:Roemerberggespraeche-2013-10-dan-diner-ffm-363.jpg
Ein wichtiger Historiker der jüdischen Geschichte: Prof. Dr. Dan Diner
Quelle: https://commons.wikimedia.org/
wiki/File:Roemerberggespraeche-2013-10-dan-diner-ffm-363.jpg

Eine weitere wichtige Methode ist das Verfassung eigener Darstellungen. Hier wird besonderer Wert auf die Herausstellung zeitlicher Verläufe und der Triftigkeit der Aussagen gelegt. Eine Aussage ist sicher belegt, wenn sie von mehreren Quellen übereinstimmend belegt ist.  Teilweise belegte Informationen findet man nur in einzelnen Quellen oder angedeutet, sie sind also nicht so umfassend betrachtet. Informationen, die sich nur aus dem Zusammenhang schließen lassen, aber nicht direkt in Quellen vorkommen, nennt man unter dem Stichwort vermutlich. Möglich sind also auch unterschiedliche Vermutungen. Zu unklaren Inhalten gibt es keine durch Quellen belegbaren Aussagen.

Methode des Vorgehens:

A) Vorbereitung

Die Vorbereitung entspricht im Wesentlichen der Methode der Punkte 1 und 3 der Vorbereitung eines Vortrags. In Geschichte spielt die Leitfrage (du findest sie oftmals in der Aufgabenstellung oder durch ein aktuelles Bezugsbeispiel) jedoch eine besondere Rolle. An ihr rollst du deine Darstellung auf (wie ein roter Leitfaden). Wenn du danach die Informationen sammelst, achte unbedingt auf die Quellenverweise.

B) Verfassen der Darstellung

Deine Einleitung sollte folgende vier Punkte beinhalten:

  • Nenne deine Leitfrage.
  • Ordne das Geschehen zeitlich ein.
  • Erzeuge Spannung beim Leser, etwa durch einen Gegenwartsbezug als Ohröffner.
  • Stelle deine Vorgehensweise (inhaltliche Gliederung) für den Hauptteil vor. Diese ist meist indirekt in deinen Aufgabenstellungen enthalten.

Verfasse jetzt den Hauptteil:

Formuliere zusammenhängende Sätze, in der du die Geschichte so übersichtlich wie möglich darstellst. Nutze Fachbegriffe und erkläre diese kurz. Achte auf zeitliche Zusammenhänge (was geschah wann?) und deine Informationsquellen (Triftigkeit). Arbeite dabei gezielt auf die Beantwortung deiner Leitfrage hin

Beende deine Darstellung mit einem runden Schlussteil:

  • Beantworte deine Leitfrage.
  • Ziehe einen Bogen zu deiner Einleitung (z. B. zu deinem Gegenwartsbezug)

3 Statistiken auswerten

Statistiken kann man als eine Mischform aus historischer Quelle und Darstellung sehen, denn sie stützen sich auf sicheres Zahlenmaterial, andererseits findet durch die Auswahl und Aufarbeitung der Informationen durch den Autor bereits eine Deutung statt.

Bildergebnis für statistik
Jeder sollte mit Statistiken umgehen können.
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutsche_Wikinews_Statistik_Artikel_pro_Tag_nach_Monat.svg

Methode des Vorgehens:

A) Leitfrage

  • Durch welche Fragestellung wird die Untersuchung der Statistik bestimmt?

B) Formale Analyse

  • Wer ist der Autor/Auftraggeber (ggf. noch zusätzliche Infos)?
  • Wann und wo wurde die Statistik veröffentlicht?
  • Was ist das Thema der Statistik?
  • Welche Darstellungsform wurde gewählt (Tabelle, Mengendiagramm, Balkendiagramm …)?

C) Inhaltliche Analyse

  • Auf welchen Zeitraum bezieht man sich? Inwieweit wurde der geografische Raum abgegrenzt?
  • Wie sind die Achsen/Spalten/Zeilen beschriftet? Welche Einheiten wurden verwendet?
  • Wie wurden welche Daten aufeinander bezogen?
  • Beschreibe jetzt die Einzelzusammenhänge. Wo gibt es Ausschläge? Wo tauchen Regelmäßigkeiten auf? Kannst du evtl. Vergleiche ziehen?
  • Welche Intention verfolgt der Autor?

D) Historischer Kontext

  • Erläutere ausführlich die geschichtlichen Hintergründe, auf welche sich die Statistik bezieht.

E) Urteil

  • Worüber gibt die Statistik keine Auskunft? Wo gibt es Manipulationen?
  • Mit welchen anderen Quellen oder Statistiken lässt sich ein Vergleich ziehen?
  • Wie lässt sich die Leitfrage mithilfe der Statistik beantworten?

4 Karikaturen/Plakate interpretieren

Bildergebnis für karikatur
Karikaturen erscheinen meist lustig, haben aber einen tieferen Hintergrund.
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karikatur_von_
Gerhard_Mester_zum_Thema_Nicht_Gewusst_O11189.jpg

Karikaturen sind bildliche Darstellungen, welche die Realität auf bewusste Weise ins Lächerliche ziehen und damit auf gesellschaftliche/politische Zustände hinweisen. Der Kontrast soll den Betrachter zum Nachdenken anregen. Karikaturen spiegeln subjektive, zeitgenössische Haltungen wider. 

Plakate arbeiten mit „plakativen, zugespitzten Gestaltungsmitteln“ und sollen einfach zu verstehen sein. Aufgrund ihres appellativen Charakters geben sie Einsicht in die Absichten und Position des Auftraggebers. Plakate dienen der öffentlichen Information und Werbung.

Methode des Vorgehens:

A) Leitfrage

  • Welche Fragestellung bestimmt die Untersuchung der Karikatur/des Plakates?

B) Formale Analyse

  • Ersteller/Auftraggeber (und wichtige Infos zu seiner Person)
  • Datum und Ort der Erscheinung
  • Titel und Zusatzkommentare
  • Thema/Anlass/Adressaten
  • allgemeine Intention

C) Inhaltliche Analyse

  • Beschreibung der Gestaltungsmittel: Figurendarstellung (Kleidung, Mimik, Gestik), Symbole, Metaphern, Farben, Proportionen, Verhältnis von Bild und Text, Perspektive, …
  • Deutung: Was sagen die Gestaltungsmittel und die Art ihrer Darstellung aus? Was ist die zentrale Botschaft/welche Wirkung soll erzielt werden? Sind Fragen offen geblieben?

D) Historischer Kontext

  • Beschreibe die geschichtlichen Hintergründe, auf die sich das Plakat/die Karikatur bezieht.

E) Urteil

  • Ist das Plakat/die Karikatur repräsentativ für seine/ihre Zeit?
  • Sind weitere vergleichbare Quellen bekannt?
  • Beurteilung der historischen Angemessenheit (Sprechen historische Fakten gegen die Bildaussage?)
  • Schlussfolgerungen aus heutiger Sicht im Hinblick auf die Leitfrage

5 Eine historische Erörterung schreiben

Bildergebnis für erörterung
Quelle: https://www.verbformen.de/deklination/substantive
/Ero3rterung.htm

Eine Erörterung zu schreiben ist die Königsklasse der hier aufgeführten Methoden (wie mein aktueller Geschichtslehrer sagt). Aber Achtung, eine historische Erörterung ist etwas anderes als die Erörterung, die du in Deutsch schreibst. In Geschichte analysierst du, wie ein Historiker die Geschichte in seiner Darstellung analysiert hat. Achte darauf, dass Historiker je nach ihrem Herkunftsort, ihrer sozialen Stellung oder der Zeit, in der sie leben, bestimmte Sichtweisen und Positionen einnehmen, welche du jetzt hinterfragen sollst.

Die Methode der Erörterung folgt dabei der Grobstruktur der Analyse einer Darstellung, legt aber mehr Fokus auf die Argumentationsstruktur und die Absicht des Autors. Im Folgenden habe ich die Methode in einzelnen Schritten erneut aufgeführt.

A) Leitfrage

  • Finde heraus, welche Fragestellung die Darstellung untersucht – es sei denn, die Leitfrage ist bereits in deiner Aufgabenstellung indirekt enthalten.

B) Formale Analyse

  • Verfasse einen Tattz-Satz für die Darstellung (Titel, Autor – wenn möglich inklusive seines Forschungsschwerpunktes/seiner bereits gezeigten Einstellungen usw., Textsorte, zentrales Thema, Zeit und Ort der Erstveröffentlichung).
  • An welche Adressaten (z. B. populärwissenschaftlich oder fachwissenschaftlich) richtet sich der Text?

C) Inhaltliche Analyse

  • Fasse mit eigenen Worten die wesentlichen Aussagen (Hauptthesen) zusammen. Untersuche dann die genannten Argumente. Vermeide Nacherzählen und verwende möglichst viel den Konjunktiv (indirekte Rede). Nur für Erläuterungen von Begriffen oder Prozessen nutzt du den Indikativ.
  • Untersuche die Textsprache (appellativ, informativ, emotional, sachlich, etc.).
  • Fallen dir bestimmte benutzte Fachbegriffe/beschriebene Personen oder Ereignisse auf?

D) Historischer Kontext

  • Bereite nun durch das ausführliche Beschreiben der genauen historischen Hintergründe dein Urteil vor. Erkläre außerdem Fachbegriffe.

E) Urteil

  • Sachurteil: Wie wird die Leitfrage im Text beantwortet?  Ist der Text logisch aufgebaut oder gibt es Widersprüche? Fehlen Informationen? Welche eigenen Interessen/Intentionen lässt der Autor einfließen? Welche Rolle spielt die Entstehungszeit der Darstellung und wie hätten Zeitgenossen aus ihrer Zeit das Ereignis beschrieben?
  • Werturteil: Wie kann man die Leitfrage aus heutiger Sicht beantworten bzw. wie beantwortest du die Leitfrage heute?

6 Einen inhaltlich kohärenten Text schreiben

Bildergebnis für essayschreiben
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schreiben
_mit_Kugelschreiber.jpg

In Klausuren oder später im Abitur wird zumeist von dir erwartet werden, dass du deine Aufgaben in einem schlüssigen Aufsatz erledigst und somit die vorher genannten Methoden in einen gesamten Text einbaust.

Methode des Vorgehens beim Verfassen des Aufsatzes:

Beginne mit einer Art kreativen Hinführung (vgl. Einleitung einer eigens verfassten Darstellung). Nenne also zuerst deine Leitfrage und ordne das Geschehen zeitlich ein. Erzeuge Spannung durch einen aktuellen Gegenwartsbezug, welcher sich auf das Thema deiner Arbeit bezieht. Stelle jetzt die Struktur deines Aufsatzes vor, diese orientiert sich entweder an einzelnen Aufgabenstellungen oder an der Methodik des dir erteilten Auftrags.

Lenke jetzt den Leser deines Aufsatzes hin zu der dir gegebenen Quelle/Karikatur usw. und damit zu deinen eigentlichen Arbeitsaufträgen, bei einer Darstellung kann das zum Beispiel durch einen Tattz-Satz (Titel, Autor, Textart, Thema, Zeit und Ort) erfolgen. Wenn du nun deine Aufgabenstellungen abarbeitest, achte darauf, alle Inhalte in einen schlüssigen Text zu packen. Finde passende Übergänge zwischen Teilaufgaben, nutze Absätze zur Strukturierung deines Textes etc.

Zum Schluss wird meistens die Beantwortung der Leitfrage oder ein persönliches Resümee erwartet. Beziehe dich jetzt auch noch einmal auf deine Hinführung. Indem du beispielsweise die Bedeutung des Sachverhaltes für die Gegenwart erneut heraushebst (Gegenwartsbezug), verleihst du deinem Aufsatz einen gewissen historischen Rahmen, der jeden deiner Lehrer erfreuen wird (und hoffentlich auch dich, wenn du deine Arbeit zurückbekommst).

PS: Wer noch nicht genug von Methoden hat, findet hier den Link zur Methode der perfekten Gruppenarbeit. Und für Geschichtsinteressierte geht’s hier zur Geschichte der Judenfeindlichkeit.

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