Ausflug in die Welt der DPG 2021 – Physik, Journalismus und ich

Lesedauer: 6 Minuten

Flyer DPG Veranstaltung

LEBENSSTORYS Das Magnus-Haus, Hauptstadtrepräsentanz der DPG und Sitz des Regionalverbandes Physikalische Gesellschaft zu Berlin, ist ein wichtiger europäischer Ort der Wissenschaftsgeschichte der Physik. Nach der Ernennung zur EPS Historic Site folgte am 15. Oktober 2021 im Rahmen einer Festveranstaltung die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel durch die Präsidenten der European Physical Society (EPS), Luc Bergé, und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), Lutz Schröter. Diesem Ereignis durfte auch ich als Mitglied der Regionalgruppe Potsdam der jDPG beiwohnen. Eine einmalige Veranstaltung.

Anmerkung vorneweg: Tatsächlich ist dieser Artikel zu Anfang meines Unilebens vor etwa 7 Wochen entstanden. In der Zwischenzeit ist viel passiert: Ich habe mich in Potsdam eingelebt, neue Freunde gefunden und mich in einem unglaublichen Umfang mit der „echten“ Mathematik (im Gegensatz zur Schulmathematik), der Experimentalphysik und der Astronomie beschäftigt. Die Menge an Aufgaben ist unheimlich hoch und so ist mein Blog in letzter Zeit etwas zurückgeblieben. Ich hoffe sehr, dass ich in den nächsten Monaten ein Gleichgewicht zwischen der Uni und meinen Hobbys finden kann. Und dann gibt es natürlich auch wieder mehr Content von mir: über die Schule, die Uni und das Lernen ganz im Allgemeinen.

Montag, 16:53 Uhr. Ich sitze mit meinem Laptop auf dem Schoß auf dem Campus Golm der Universität Potsdam und kann kaum glauben, dass eine Woche – meine erste Woche – Unileben schon vorbei ist. Ich bin überrascht, wie offen die Studenten hier sind und wie schnell man Anschluss findet. Und merke schon jetzt im Brückenkurs, dass Hochschulmathematik auf einem ganz anderen Level stattfindet als Schulmathematik. Ganz plötzlich hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht und bietet mir Möglichkeiten, von denen ich nie geträumt hätte. So kann ich tatsächlich behaupten, am letzten Freitag nicht nur den Präsidenten der Deutschen, sondern auch den der Europäischen Physikalischen Gesellschaft getroffen zu haben.

DPG – Mitgliedschaft (und mehr …)

Los geht’s.

Durch meinen Physik-Abiturpreis bin ich seit Juli dieses Jahres für ein Jahr kostenlos Mitglied in der DPG (Deutschen Physikalischen Gesellschaft), was mir neben der monatlich gelieferten Zeitschrift PhysikJournal auch Zutritt zu zahlreichen DPG-Veranstaltungen bringt. Da ich es aber bisher noch nicht zu einer solchen Veranstaltung geschafft hatte, freute ich mich umso mehr, als einer meiner Kommilitonen die Teilnahme an einer Festveranstaltung in Berlin vorschlug. Ohne zu wissen, was mich erwarten würde, sagte ich zu und verabschiedete mich innerlich von der an diesem Abend ebenfalls geplanten Kneipentour. Solch eine Gelegenheit erschien mir einmalig, also wollte ich sie nicht verstreichen lassen.

Am verregneten Nachmittag des 15.10.2021 war es dann so weit. Ich war die Einzige, die dem Aufruf meines Kommilitonen, nennen wir ihn Richard, gefolgt war, also machten wir uns nur zu zweit auf den Weg nach Berlin. Vergeblich warteten wir auf unseren Zug und bemerkten zu spät, dass er an diesem Tag (ohne dass es auf irgendeiner Informationstafel stand) von einem anderen Gleis abfuhr. Uns blieb also nichts anderes übrig, als auf den Folgezug 30 Minuten später zu hoffen. Ach ja, die Deutsche Bahn von ihrer besten Seite …

Erst als wir endlich im Zug saßen, erfuhr ich von Ricard mehr über die auf mich zukommende Veranstaltung im Magnus-Haus, Hauptstadtrepräsentanz der DPG und Sitz des Regionalverbandes Physikalische Gesellschaft zu Berlin. Es war eine Festveranstaltung zur Auszeichnung des Magnus-Haus Berlin als EPS Historic Site …und es würden unter anderem auch die Präsidenten der Deutschen (DPG) und der Europäischen Physikalischen Gesellschaft (EPS) anwesend sein. Zudem würde live ein Stück für Geige und Cello von Beethoven gespielt werden, was, wie Richard betonte, eine „dem Anlass angemessene musikalische Begleitung“ sei. Wir beide durften als Vertreter der jungen DPG zuschauen. Ehe ich mich versah, gehörte ich also zur – wohlbemerkt erst durch Richard und andere Studenten neugegründete – jungen DPG Regionalgruppe Potsdam.

Die Größe unserer deutschen Hauptstadt erschlug mich aufs Neue. All die Lichter, Autos, Straßenbahnen, Tausende Menschen allen Aussehens. Doch uns blieb keine Zeit, die Stadt zu bestaunen, denn die Zeit drängte. Gerade 3 Minuten vor Veranstaltungsbeginn betraten wir das Magnus-Haus. In Baugerüste gehüllt wäre es mir beim Vorbeigehen wohl kaum aufgefallen. Wir brachten unsere Sachen zur Garderobe und durchquerten zwei kleine Säle, bis sich die Tür zum Veranstaltungsraum für uns öffnete.

Etwa 20 Menschen, allesamt in Anzüge oder hochwertige Kostüme gehüllt, standen zwischen den Stühlen im Raum verteilt. Sogleich wurden wir empfangen und man stellte uns die hochrangigen DPG-Mitglieder vor. Ich kam mir vor wie in einer anderen Welt und hoffte, dass ich in meiner rot-schwarzen Sweatshirt-Blazer-Kombi zu Jeans nicht underdressed war.

Die Welt der DPG

Berlin.

Kurz nach 16 Uhr begann die Veranstaltung – wie von Richard angekündigt – mit einem Musikstück von Beethoven, gespielt von zwei extrem begabten jungen Musikerinnen, bevor Professor Dr. Oliver Bendson, der Vorsitzende der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin, die Gäste begrüßte. Still saß ich da und lauschte, als auch Luc Bergé und Dr. Lutz Schröter, Präsidenten der EPS und der DPG, ein Grußwort aussprachen. Es folgten zwei weitere hervorragend gespielte Musikstücke. Dann begann Dr. Stefan L. Wolff vom Deutschen Museum München mit seinem Vortrag über „Das Magnus-Haus Berlin als historischer Ort der Physikentwicklung zwischen 1840 und 1870“, wobei wir mehr über die Hintergründe der Veranstaltung erfuhren.

Annähernd 30 Minuten dauerte dieser erste Vortrag und ich kam nicht umhin, mit den Gedanken abzuschweifen. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass ich tatsächlich hier inmitten dieser hohen Leute saß, einem mäßig interessanten Vortrag lauschend. War es das, was ich wollte? Wollte ich zukünftig solchen Veranstaltungen öfter beiwohnen? Ich wusste die Antwort nicht. Doch ich wusste, dass, wenn ich es wirklich wollte, ich es auch schaffen konnte. Dies könnte tatsächlich meine Zukunft sein. Unauffällig machte ich ein paar Fotos (keine Angst, das war erlaubt) und ärgerte mich, dass ich meine Kamera nicht mitgenommen hatte. Nun, das würde ich nächstes Mal machen (wenn es ein nächstes Mal geben würde).

Jetzt folgte ein weiterer Vortrag, in dem Prof. Dr. Ingolf V. Hertel des Max-Born-Institut Berlin weitere Wegmarken der Geschichte zwischen DPG und Magnus-Haus vorstellte. Ich war nie der größte Fan von Geschichte gewesen, doch in diesem Rahmen solch einen Vortrag zu hören, war etwas ganz anderes als sich in der Schule einen Lehrervortrag anzuhören. Die vorgestellten Jahreszahlen verflossen ineinander – bis das Jahr 2001 eine Wendung in der Entwicklung des Magnus-Hauses brachte.

Scheinbar hatte der Berliner Senat das Gebäude heimlich unter Wert an die Siemens AG verkauft (die Gerüchteküche um diesen „Vorfall“ brodelt). Doch was auch genau passiert ist, fest steht: 2024 wird das Magnus-Haus an den Großkonzern fallen. Eine traurige Zukunftsprognose. Denn trotz gutgemeinten Beteuerungen seitens der Siemens AG, dass die DPG das Gebäude auch weiterhin nutzen dürfe, kann letztendlich keiner genau sagen, was in ein paar Jahren aus der Hauptstadtrepräsentanz der DPG werden wird.

Das Magnus -Haus Berlin – Kurze Geschichte

Das denkmalgeschützte Magnus-Haus im Berliner Ortsteil Mitte, erbaut im 18. Jahrhundert, gilt heute als das älteste physikalische Gebäude Deutschlands. Zunächst bewohnt von Louis Lagrange, einem der Begründer der analytischen Mechanik, wurde es im Jahr 1840 von Professor Gustav Magnus (berühmt unter anderem durch das Entdecken des Magnus-Effekt) erworben.

Der außerordentliche Professor für Technologie, der sich nie auf Physik spezialisierte, dieses Fach aber seit 1833 unterrichtet hatte, richtete im März 1843 im Magnus-Haus sein privates physikalisches Laboratorium ein. Es war damals nicht nur Arbeitsort und gesellschaftlicher Treffpunkt für Studenten, sondern gilt heute als das älteste physikalische Institut Deutschlands. Mehr noch: Aus dem Kreis des physikalischen Kolloquiums (wörtlich für „wissenschaftliches Fachgespräch“) entstand 1845 die Physikalische Gesellschaft zu Berlin. Bedeutende Wissenschaftler, die zu Magnus‘ Zeiten dort wirkten, waren unter anderem J. W. Gibbs, H. Helmholtz und W. Siemens.

Mit Magnus‘ Tod im Jahr 1870 verlagerte sich die Physik zunächst aus dem Haus. Nachdem es zu Beginn der DDR der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft gedient hatte, wurde das Gebäude 1958 anlässlich des 100. Geburtstags von Max Planck von Oberbürgermeister Ebert an die Physikalische Gesellschaft der DDR zur dauerhaften Nutzung übergeben. In den 90er-Jahren erfolgte eine unter anderem durch die Siemens AG finanzierte Kernsanierung, bevor die DPG 1994 einen 30-jährigen Nutzungsvertrag mit der Stadt Berlin abschloss.

Heute gilt es als Brücke zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Aufsehen erregte im Jahr 2001 die Entscheidung des Senats, das Gebäude für (nur) 2,8 Mio. DM an die Siemens AG, welche mit Magnus‘ Schüler Ernst Werner Siemens hier seine historischen Wurzeln sieht, zu verkaufen. Bis 14.02.2024 bleibt die DPG noch Eigentümer des Gebäudes. Was die Zukunft für diesen wichtigen DPG-Standort nach 2024 bringt, ist ungewiss, obwohl die Siemens AG der DPG zusichert, weiterhin Hauptmieter der Räumlichkeiten bleiben zu können.

Erfahrungen für die Zukunft

Nach diesem Schock und einem letzten Musikstück wurde kurz nach 17:30 Uhr – jetzt war die Stimmung wieder feierlich – die Gedenktafel im Eingangsflur des Hauses enthüllt. Stolz standen Richard und ich neben den anderen Teilnehmern und lächelten für die Kamera, während Luc Bergé den entscheidenden Schritt tat. Man beglückwünschte sich gegenseitig und wandte sich den Getränken des Sektempfangs zu. Auch ich beschloss, ein Glas des Sekts (oder war es Champagner?) zu probieren. Wann sonst hatte ich diese Möglichkeit? Mit den Leuten dort ins Gespräch zu kommen, erwies sich als schwierig, da Richard und ich beide nicht wussten, wie man sie ansprach.

Doch irgendwie ergab sich alles von selbst und ein paar Minuten später poste ich mit Luc Bergé und Dr. Lutz Schröter auf einem Foto vor der Gedenktafel. Langsam neigte sich die Veranstaltung dem Ende zu und mir wurde leicht schwindelig – ob von dem Glas Sekt oder der ganzen Aufregung, sei mal dahingestellt. Glücklich verabschiedeten wir einige der Gäste und machten uns selbst auf den Rückweg. Die Lichter Berlin empfingen uns, als wir uns auf die Suche nach einem kleinen Imbiss machten.

Beim Essen kam das Gespräch unter anderem auf den Bericht, den mein Kommilitone von der Veranstaltung für die Homepage der RG (Regionalgruppe) Potsdam schreiben wollte. Einer plötzlichen Eingebung folgend, bot ich an, diesen Artikel doch verfassen zu können. Er freute sich und ich freute mich auch. Die Begriffe Physik und Journalismus schwirrten durch meinen Kopf. Das wollte ich zukünftig machen, oder? Geschafft hing ich bei der Zugfahrt nach Potsdam wieder einmal meinen Gedanken nach. Viel war heute passiert. Ich hatte mich selbst übergangsweise zur PR-Beauftragten der RG Potsdam erklärt, spontan mit bedeutenden Leuten geredet und …  einen wichtigen Schritt in meine Zukunft gewagt.

Kaum zu fassen, dass ich vor 6 Monaten noch in der Schule saß und noch nicht einmal von dieser Möglichkeit träumte.  Ja, ich war gespannt auf das, was mich in Potsdam erwartete. Auch auf die Kneipentour. Ich hatte mittlerweile beschlossen, noch zur Kneipentour dazustoßen (schließlich war es erst kurz nach 20 Uhr).  Den vernünftigen Teil des Tages hatte ich gemeistert. Warum sollte ich jetzt nicht noch ein bisschen Spaß haben?

Wen die genauen Hintergründe der Veranstaltung interessieren, kann gerne hier mehr über die Geschichte des Magnus-Haus lesen. Ansonsten geht es hier zu meinem sachlicheren Eventbericht auf der Homepage der Regionalgruppe Potsdam.

PS: Es wurde ein spannendes und sehr anstrengendes erstes Semester mit einigen Wendungen, die ich nicht erwartet hätte. Neugierig, wie es mir ergangen ist? Hier geht’s zur ganzen Geschichte.

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