4 Jahre Bachelorstudium – Ein würdiger Abschluss?

Lesedauer: 15 Minuten

Zeugnis meines Bachelorstudiums

LEBENSSTORYS 4 Jahre einfach so vorbei. Irgendwie ist das Ende meines Bachelorstudiums viel schneller gekommen als erwartet. Neben meiner Bachelorarbeit warten einige Entscheidungen auf mich, die meine Zukunft maßgeblich bestimmen werden. Ich muss mich nicht nur fragen, wie es mit meinem Studium weitergeht, sondern auch, wie und wo ich in Zukunft leben möchte.

Nach zweieinhalb Monaten Arbeitszeit habe ich endlich meine Bachelorarbeit abgegeben. Und ich muss zugeben: Ich hätte gedacht, dass es sich anders anfühlt, mein Bachelorstudium hinter mir zu haben. Vier Jahre Physik… An den Schulalltag kann ich mich kaum noch erinnern. Die erste Schulstunde um 7:20 Uhr ist einem entspannten Unistart um 10:15 Uhr gewichen. Die Angst vor Überraschungstests wurde zu einer anhaltenden Anspannung vor der Klausurenphase. Und der vorbestimmte Stundenplan wurde zu einem Organisationskampf durch all die Fristen in der Uniwelt. Der Sprung von der Schule ins Studium war hart. Doch ich habe ihn gemeistert und stehe nun vor dem nächsten Abschnitt meiner Lern-Laufbahn: dem Physik-Masterstudium.

Das Jahr 2025 ist für mich ein Jahr der Entscheidungen. Viele persönliche Veränderungen warten auf mich. Welches Thema wähle ich für meine Bachelorarbeit? Welches Masterstudium wähle ich? Bleibe ich in Potsdam oder gehe ich weg? Dieser Artikel berichtet vom Alltag und den Herausforderungen der letzten Monate meines Bachelorstudiums. Und dem, was ich für das Masterstudium mitnehmen möchte.

Promis in der Klimaforschung

view of the mountains
Gemeinsam Snowboardfahren lernen

In der Forschungswelt

Den Rest der Woche verbrachte ich zuhause, quasi im Homeoffice. Ich legte selbst Arbeitszeiten fest und arbeitete dadurch etwa 6 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche an der Auswertung meiner Messungen. Es gab frustierende Tage, an denen ich gar nicht vorankam, während an anderen ein Geistesblitz mein gesamtes physikalisches Verständnis neu wichtete und mir die Arbeitsstunden versüßte. Das wohl größte Kopfzerbrechen bereitete mir die Arbeit mit Python. Ich hatte vorher nie programmiert und nur kleine Einblicke in die Sprachen von C++ und Fortran erhalten. Jetzt sollte ich mit einer neuen Programmiersprache hunderttausende von Datenpunkten zu Diagrammen und konkreten Zahlenwerten verarbeiten. Zusammen mit meinem Betreuer und ChatGPT schaffte ich es irgendwie, nach und nach Programme für meine Daten anzupassen.      

Arbeit an Python mit Kaffetasse
Kopfzerbrechen über Python

Dabei merkte ich schnell, wann die Daten das wiedergaben, was man erwartet hatte und wann Daten wohl so schlecht waren, dass sie wiederholt werden mussten. Es war ein Hin und Her aus Messungen, Auswertungen und Anpassungen. Nur langsam nahm die Auswertung Gestalt an. Oft machte ich Arbeiten doppelt, weil mir wieder ein kleiner Fehler aufgefallen war oder ich in einer Sackgasse landete. Erst nach und nach bekam ich von meinem Betreuer und meinem Professor feste Forschungslinien, an denen ich meine Auswertung aufbaute.  

Es wurde Juni. Endlich nahm das Wetter sommerliche Züge an und ich sah das Ende meiner Bachelorarbeit gekommen. Mein Betreuer war mit den Messdaten zufrieden und ich hatte fast die gesamten Arbeitsstunden, die von der Studienordnung für die Bachelorarbeit vorgesehen waren, aufgebraucht. Ich lehnte die Bitte meines Professors, noch mehr Messungen für ein Paper aufzunehmen, ab. Obwohl ich viel Spaß an der Forschung hatte, war dies immer noch meine Bachelorarbeit und keine bezahlte wissenschaftliche Anstellung.   

Nach Fertigstellung ließ ich meine Arbeit von meiner Mama und meinem Freund korrekturlesen. Zwar konnten sie mir Tipps zu Format und Ausdruck geben. Doch meine verwendeten Fachbegriffe schienen so speziell zu sein, dass nicht einmal mein Freund, der selbst Physik studiert hatte, sie komplett verstehen konnte. Es ist verrückt, wie fern diese physikalische Welt vom Alltag liegt. Sie ist so komplex, dass auch Physiker selbst nur einen winzigen Ausschnitt davon durchdringen können. Und doch ist sie wahnsinnig faszinierend. Meine Bachelorarbeit, die 51 Seiten plus Anhang umfasste, reichte ich schließlich am 24. Juni beim Prüfungsausschuss ein.     

Am 2. Juli fuhr ich in die Uni, um den anderen meine Daten zur weiteren Forschung zur Verfügung zu stellen, meine Schlüssel zurückzugeben und mich natürlich bei allen Gruppenmitgliedern für ihre Unterstützung zu bedanken. Mein Betreuer war überrascht, dass ich die Arbeit abgegeben hatte, ohne ihn Probelesen zu lassen. Ups. Anscheinend machte man das in diesem Fachbereich so. Kurz bekam ich Panik. Was, wenn ich größere Fehler in der Arbeit hatte, die mein Betreuer vor der Bewertung hätte anmerken können? Doch ich beruhigte mich relativ schnell wieder. Ich war mir sehr sicher in dem, was ich da fabriziert hatte.         

 Ein letztes Mal ging ich mit meinen „Arbeitskollegen“ um 12:30 Uhr zusammen in die Mensa Mittagessen. Sie waren alle erstaunt, dass ich tatsächlich so schnell fertig geworden war. Während ich mich seit bereits einer Woche bei 36 °C am Pool entspannen konnte, gingen sie weiterhin Tag für Tag ihrer spannenden Forschung nach. Jeder einzelne leistete seinen Beitrag für ein besseres Verständnis unserer vielseitigen Welt. Eine bewunderswerte Arbeit.

Ich selbst hatte nun alle Veranstaltungen und Prüfungen des Bachelorstudiums hinter mir und konnte mich für die nächsten drei Monate den sommerlichen Alltagsfreuden zuwenden. Diese kleine Auszeit hatte ich mir hart erarbeitet. Ich war jetzt frei, wenn man so sagen wollte. Wobei … neben der Bewerbung für das Masterstudium warteten noch ein paar persönliche Aufgaben auf mich.

Lebensfragen

Seit Beginn meines Studiums wohnte ich in einem Studentenwohnheim direkt auf dem Campus. Obwohl sich auch hier die Miete innerhalb von dreieinhalb Jahren um 20% des Einstiegspreises erhöht hatte, handelte es sich dabei immer noch um die günstigsten Unterkünfte innerhalb von Potsdam. Doch die Zeit, die man im Wohnheim bleiben konnte, war auf vier Jahre begrenzt, sodass ich mich langsam nach etwas Neuem umschauen musste.      

Mit der Frage eines möglichen Umzugs kam im Januar auch die Frage meines weiteren Studiums auf. Von der Idee, nach dem Bachelorstudium ein Voluntariat (also eine journalistische Ausbildung) anzufangen, war ich mittlerweile abgekommen. Zwar wäre das super für den Beruf des Wissenschaftsjournalisten, doch die Branche war überlaufen und jobtechnisch sehr unsicher. Mit einem Physikmaster hingegen hätte ich ein viel breiteres mögliches Berufsspektrum und könnte trotzdem noch schreiben. Forscher berichteten über ihre neuen Erkenntnisse auch in eigens geschriebenen Fachartikeln.
Also weitere zwei Jahre Physikstudium.

In Potsdam konnte ich zwischen allgemeiner Physik, Astrophysik und dem fächerübergreifenden Studiengang „Climate, Earth, Water, Sustainability (CLEWS)“ wählen. Astrophysik und CLEWS sind sehr speziell und vorrangig auf Datenauswertung und Programmierung ausgerichtet. Da ich nicht nur am PC arbeiten, sondern vor allem Forschung kommunizieren wollte, entschied ich mich für die allgemeine Physik.      

Ruinenberg in Potsdam
Soll ich Potsdam den Rücken zudrehen?

Natürlich musste ich nicht in Potsdam bleiben. Weil mein Freund durch Beginn seines Referendariats umziehen musste (ca. 1 Stunde Zugfahrt von Potsdam) und ich mir allein eine Wohnung in Potsdam weder leisten wollte noch konnte, war für mich relativ schnell klar, dass ich mit ihm gehen würde. Hieß das, dass ich Potsdam den Rücken zukehren musste? Ich konnte auch in Berlin studieren. Dort gibt es zwei Universitäten, die einen Physikmaster anbieten.   

Doch irgendwie mochte ich Potsdam. Ich mochte die Dozenten, die Atmosphäre und die Spezialisierungsmöglichkeiten in Richtung der Klimaphysik. Ich überlegte wochenlang hin und her. Pendeln konnte mit der Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn zwar nervig werden, doch ich glaube, ich war bereit dies einzugehen, wenn ich so mit meinem Freund zusammenleben und gleichzeitig weiter in Potsdam studieren konnte. Ja, ich hatte mich entschieden.

Ende März gab ich meinen Wohnheimsplatz auf und zog übergangsweise zu meinem Freund. Ich hatte erwartet, dass es mir schwerer fallen würde, meiner allerersten Wohnung den Rücken zuzukehren. Doch ich wurde überrascht. Vielmehr war ich richtig gehypt, die nachfolgende Wohnung vollkommen frei gestalten zu können. Einzige Vorgabe war das Geld.

Gerade lebte ich von der Bafög-Förderung. Zwar würde ich neben dem Masterstudium noch eine Korrektur-Stelle als Minijob ausüben, doch selbst damit kam ich nicht so viel weiter. Wohnraum ist knapp und die Mieten sind utopisch hoch. Von den 1/3 des Gesamteinkommens, welche die Miete eigentlich einnehmen sollte, war ich weit entfernt. Nach Schätzungen meiner monatlichen Ausgaben konnte ich etwa 500 € im Monat für Miete aufbringen. Wenn mein Freund und ich uns die Miete also gleichberechtigt teilen wollten, lag die maximale Warmmiete für unsere mindestens-60-Quadratmeter-Wohnung bei 1000 €. Eine eher unrealistische Vorstellung, wie wir in den Sommermonaten feststellen sollten.

In die Zukunft surfen

Wie schnell können zwei Monate vergehen? Bei den unzähligen Wohnungsbesichtigungen – es waren so viele, dass ich das Mitzählen irgendwann aufgab – verflog die Zeit nur so. Wer konnte schon wissen, dass die meisten Wohnungen für 800 € oder 900 € so aussahen, als wären sie das letzte Mal vor 30 Jahren saniert worden? Hingegen kosteten viele gute Wohnungen über 60 Quadratmeter mittlerweile über 1200 € Warmmiete. Das war eine Preissteigerung von 25 % innerhalb der letzten vier Jahre in dieser Region. Die ständige Unsicherheit setzte einem zu. Würden wir überhaupt etwas finden, was einigermaßen unseren Vorstellungen entsprach?   

Der Hochsommer (der dieses Jahr irgendwie recht kühl gewesen war) wich dem Spätsommer, als wir Ende August und nach sechs Monaten intensiver Suche endlich eine hübsche Altbauwohnung fanden, die nur minimal über unserem Budget lag. Eine unglaubliche Erleichterung. 

Weil die Wohnungssuche in diesem Sommer ein so großes Thema war, vergisst man schnell, was man sonst noch alles erleben durfte. Nachdem wir im März bereits Snowboardfahren gelernt hatten, folgte im Juli das Surfen. In einem kleinen Surfcamp an der Algarve in Südportugal lernte ich, wie es sich anfühlte, Wellen zu reiten. Im Mittelgebirge Harz sammelte ich mit einer kleinen Freundesgruppe Stempel, die man ab einer bestimmten Anzahl gegen Wanderabzeichen eintauschen konnte. Und zwischendurch versuchte ich neben all den nervigen, kleinen Erledigungen und Aufgaben – Handwerksarbeiten für die Wohnung, die Masterbewerbung, Jahressplanungen etc. – ein bisschen Ruhe zu finden.

Jetzt, Anfang September, blicke ich zurück auf einen intensiven Sommer voller Erfahrungen und hinein in zwei weitere Jahre Studium der so komplexen, aber wunderbaren Welt der Physik. In der Hand halte ich das Zeugnis meines Bachelorstudiums. Meine Bachelorarbeit wurde mit 1,1 bewertet, sodass ich insgesamt auf eine Bachelornote von 1,7 komme. Ich bin mehr als zufrieden mit mir und freue mich – so standardmäßig dieser Satz auch sein mag – auf alles, was kommt.    

Ich weiß, dass die nächste Zeit wieder anstrengend werden kann: Zur Uni pendeln, dabei Vollzeit studieren, einen kleinen Nebenjob ausüben und das Leben trotzdem noch genießen. Das Erwachsenwerden – das eigentlich unser ganzes Leben dauert – und das Finden unseres eigenen Wegs verlaufen nicht auf einer Gerade. Oder bildlich-mathematisch ausgedrückt: Mit Kraft und Willensstärke kämpfen wir uns den steinigen Weg nach oben, um dem Gipfel des Glücks immer näher zu kommen, auch wenn wir ihn vielleicht nie ganz erreichen.  

Ein bisschen ist das wie Surfen. Du lernst und lernst und wenn du glaubst, endlich stehen zu können und mit dem Strom zu gleiten, fällst du ins Wasser. Du bist frustiert, doch irgendetwas in dir drin lässt dich weitermachen. Trotz der Erschöpfung paddelst du weiter, denn wenn du dich erst einmal durch die vielen brechenden Wellen zurück zum Ausgangspunkt gekämpft hast, kannst du es kaum erwarten, dein Glück auf der nächsten guten Welle erneut zu versuchen. Und wenn du dann irgendwann stehen bleibst, ist es ein unglaubliches Gefühl.

ich blicke in die zukunft
Da liegt noch so Einiges vor mir.

Mein Studium an der Uni Potsdam

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