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LEBENSSTORYS 4 Jahre einfach so vorbei. Irgendwie ist das Ende meines Bachelorstudiums viel schneller gekommen als erwartet. Neben meiner Bachelorarbeit warten einige Entscheidungen auf mich, die meine Zukunft maßgeblich bestimmen werden. Ich muss mich nicht nur fragen, wie es mit meinem Studium weitergeht, sondern auch, wie und wo ich in Zukunft leben möchte.
Nach zweieinhalb Monaten Arbeitszeit habe ich endlich meine Bachelorarbeit abgegeben. Und ich muss zugeben: Ich hätte gedacht, dass es sich anders anfühlt, mein Bachelorstudium hinter mir zu haben. Vier Jahre Physik… An den Schulalltag kann ich mich kaum noch erinnern. Die erste Schulstunde um 7:20 Uhr ist einem entspannten Unistart um 10:15 Uhr gewichen. Die Angst vor Überraschungstests wurde zu einer anhaltenden Anspannung vor der Klausurenphase. Und der vorbestimmte Stundenplan wurde zu einem Organisationskampf durch all die Fristen in der Uniwelt. Der Sprung von der Schule ins Studium war hart. Doch ich habe ihn gemeistert und stehe nun vor dem nächsten Abschnitt meiner Lern-Laufbahn: dem Physik-Masterstudium.
Das Jahr 2025 ist für mich ein Jahr der Entscheidungen. Viele persönliche Veränderungen warten auf mich. Welches Thema wähle ich für meine Bachelorarbeit? Welches Masterstudium wähle ich? Bleibe ich in Potsdam oder gehe ich weg? Dieser Artikel berichtet vom Alltag und den Herausforderungen der letzten Monate meines Bachelorstudiums. Und dem, was ich für das Masterstudium mitnehmen möchte.
Promis in der Klimaforschung
Im Januar war das Verfassen meiner Bachelorarbeit nicht viel mehr als eine Zukunftsvision. Das siebte Unisemester steckte in seiner Hochphase und ich kam wie immer kaum hinterher, meine Klausurvorbereitung zu planen. Den stetigen Kampf zwischen Freizeit und Uni beherrschte ich mittlerweile ganz gut, doch kraftraubend war er noch immer. Beim Schreiben der Klausuren Anfang Februar fiel mir ein weiteres Mal auf, wie unterschiedlich hoch doch die Ansprüche der verschiedenen Module waren. Die Geophysik-Prüfung verlangte auswendig gelernte Fakten und das Anwenden einfacher physikalischer Formeln. Sie erinnerte mich an die Physik-Klausuren aus der Oberstufe meiner Schulzeit.
ThePhy II hingegen (ihr wisst schon: das mit den sich kugelnden Kühen) war für mich selbst mit auswendig gelernten Lösungswegen eine nur sehr mühsam zu bewältigende Herausforderung. Unser Professor hatte wie immer die Aufgabenschwerpunkte schon vorher verraten, sodass es nicht schwerfiel, sich die Aufgabenstellungen vorzustellen. Ich hatte Glück und mich dadurch auf zwei Aufgaben ideal vorbereitet. Durch den Rest der Klausur kämpfte ich mich irgendwie und ging mit einem befriedigenden Ergebnis heraus. Je mehr ich mit ihr zu tun habe, umso mehr wird mir klar, dass die theoretische Physik einfach nicht mein Ding ist.
Im Gegensatz zu ThePhy weckt die Klimaphysik in mir immer wieder aufs Neue Interesse. Ich freute mich auf das ans Semester anknüpfende Blockseminar „Athmospheric chemistry of the ozone layer“ mit einem Professor, der vor einigen Jahren die bisher größte Arktisexpedition der Geschichte wissenschaftlich geleitet hatte. Ab und zu dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, selbst an einer Expedition teilzunehmen. Vielleicht nicht gerade in der Arktis, denn ich mag Dunkelheit und Kälte nicht, aber vielleicht in die Tropen. Wobei das dortige Klima auch seine Tücken hat … aber ich fange schon wieder an zu träumen.
Zunächst galt es, das Modul Klimaphysik zu bestehen. Stattfinden tat das Seminar auf dem Telegrafenberg in Potsdam, dem Sitz des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung. Bei bis zu -12 °C fuhr ich eine Woche lang jeden Morgen mit dem Fahrrad den langgezogenen Berg nach oben in den Wissenschaftspark. Das Interesse unseres Professors für die Ozonschicht war ansteckend. Voller Begeisterung hielt er auf Englisch Vorträge über chemische Prozesse innerhalb der Atmosphäre und den menschlichen Einfluss auf die empfindliche, uns vor kosmischer Strahlung schützende Ozonschicht. Darüber hinaus lernten wir den Umgang mit der Programmiersprache Fortran, welche als wichtiger Standard in der Klimaphysik gilt.
Danach hatte ich zwei Wochen lang Zeit, mir sowohl die Inhalte der Vorlesung „Klimageschichte der Erde“ als auch des Seminars „Athmospheric chemistry of the ozone layer“ einzuprägen, denn auf mich wartete eine 30-minütige mündliche Prüfung, welche das Modul Klimaphysik abschließen würde. Aufgeregt radelte ich ein vorerst letztes Mal auf den schönen Telegrafenberg und führte ein „entspanntes Gespräch“ mit zwei der aktuell größten Klimawissenschaftlern im deutschen Raum. Ich fühlte mich, als würde ich zwei Promis gegenübersitzen. Dass sie dann auch noch mein Wissen abprüften, machte meine Nervosität nicht besser.
Trotz meines anfänglichen Gestotters waren beide Professoren von meinem Wissen überzeugt und entließen mich mit einer sehr guten Bewertung. Die Frage, warum ich nicht bereits meine Bachelorarbeit im Klima-Bereich absolvierte, konnte ich selbst nicht beantworten. Irgendwie hatte ich diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen. Nun hingegen war ich begeistert von der Vorstellung, meinen Master auf die Klimaphysik auszurichten. In diesem Themengebiet, so anschaulich und aktuell zugleich, fühlte ich mich wohl.
Kein Einzelkämpfer mehr

In meinen Semesterferien erwartete mich eine ungewöhnliche Urlaubswoche. Zu viert, mit einem Snowboard und zahlreichen weiteren Winterklamotten beladen, fuhren wir mit meinem kleinen Skoda Fabia in die österreichischen Alpen. Mit etwa 30 km/h tuckerte das Auto langsam, aber sicher die Berge hinauf bis auf 1300 Höhenmeter. Dort erwartete uns ein großes Ferienhaus mit einem herrlichen Blick auf das Tal. Insgesamt waren wir 19 Freunde, halb Skisport-erfahren und halb Skisport-unerfahren, die zusammen nicht nur das Skifahren erlernen, sondern einfach in einer großen Truppe eine intensive Zeit erleben wollten.
Intensiv war der Urlaub allemal. Neben Kopfschmerzen und blauen Flecken vom Snowboardfahren war jeder Abend ein Erlebnis. Man war in einer komplett anderen Welt. Nicht so wie in der Karibik vor drei Jahren, wo man sich weit weg von allen und allem befand. Vielmehr mittendrin in einer bunten Menge vieler verschiedener junger Leute, aber trotzdem weit entfernt vom Alltag.
Jetzt in den Semesterferien und inmitten dieser wunderschönen Schneelandschaft wurde mir bewusst, wie wenig Zeit ich im letzten Semester mit anderen Studenten verbracht hatte. Während der Schulzeit durchlebte man mit seinen Mitschülern zusammen die Unterrichtsstunden. Im fortgeschrittenen Studium aber, wenn man sich für einen von Kommilitonen losgelösten Stundenplan entschieden hatte, war das nicht mehr der Fall und man wurde zum Einzelkämpfer.
Es war komisch, nach dem Urlaub wieder allein zu sein. Ich startete direkt mit der Arbeit an meiner Bachelorarbeit, denn ich wollte so schnell wie möglich fertig werden, um im Sommer ein paar freie Monate genießen zu können. Zurück in der Uni bekam ich einen Büroplatz und einen Schlüsselbund, mit dem ich Zugang zu allen relevanten Laboren hatte. Das war ein komisches Gefühl, denn dadurch kam es mir so vor, als wäre ich von einer normalen Studentin zu einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin befördert worden. Nun gut, bezahlt wurde ich nicht. Aber ich konnte durch meine Bachelorarbeit zumindest einen kleinen Beitrag zur aktuellen Forschung leisten.
Umso nervöser war ich, als ich das erste Mal eine Messung durchführte. Mein Betreuer erklärte mir das aufleuchtende Signal auf dem Bildschirm und was seine zeitliche Veränderung bedeutete. Wenn ich jetzt an diesen Moment zurückdenke, merke ich, dass ich damals noch gar nichts verstanden hatte. Etwa einen Monat lang schrieb ich den Theorieteil der Arbeit, kämpfte mich durch englische Fachartikel, stellte wieder und wieder Rückfragen. Es machte Spaß, die ganzen Wissenspuzzlestückchen – Fakten und Begriffe, von denen ich vorher noch nie gehört hatte – zusammenzusetzen. Solange, bis sich ein halbwegs logisches Bild ergab.
Als ich fertig war, hatte ich viele Einzelheiten noch immer nicht richtig durchdrungen. Aber ich fühlte mich bereit, mit den richtigen Messungen zu starten. Auch im Labor machte ich viele Fehler, sodass unzählige Ergebnisse nicht brauchbar waren und durch neue ersetzt werden mussten. Ich lernte stetig dazu.
Jeden Mittwoch fuhr ich in die Uni, um mich mit anderen auszutauschen und neue Messungen zu starten. Um 12:30 Uhr ging dann das gesamte Team der Forschungsgruppe zusammen in die Mensa und ich kam mit den unterschiedlichsten Charakteren ins Gespräch. Fast jedes Mal, wenn sie über ihre Forschung sprachen, verstand ich nur die Hälfte. Doch ich gehörte dazu. Auch wenn ich so unerfahren war und bei jedem neu auftauchenden Problem jemand anderen um Hilfe bat, behandelten sie mich wie eine gleichwertige Physikerin. Ich glaube, das gab mir einen ersten Eindruck davon, wie es ist, gute Arbeitskollegen zu haben. Nicht alleine durch Unikurse zu stolpern, sondern gemeinsam zu forschen.
In der Forschungswelt
Den Rest der Woche verbrachte ich zuhause, quasi im Homeoffice. Ich legte selbst Arbeitszeiten fest und arbeitete dadurch etwa 6 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche an der Auswertung meiner Messungen. Es gab frustierende Tage, an denen ich gar nicht vorankam, während an anderen ein Geistesblitz mein gesamtes physikalisches Verständnis neu wichtete und mir die Arbeitsstunden versüßte. Das wohl größte Kopfzerbrechen bereitete mir die Arbeit mit Python. Ich hatte vorher nie programmiert und nur kleine Einblicke in die Sprachen von C++ und Fortran erhalten. Jetzt sollte ich mit einer neuen Programmiersprache hunderttausende von Datenpunkten zu Diagrammen und konkreten Zahlenwerten verarbeiten. Zusammen mit meinem Betreuer und ChatGPT schaffte ich es irgendwie, nach und nach Programme für meine Daten anzupassen.

Dabei merkte ich schnell, wann die Daten das wiedergaben, was man erwartet hatte und wann Daten wohl so schlecht waren, dass sie wiederholt werden mussten. Es war ein Hin und Her aus Messungen, Auswertungen und Anpassungen. Nur langsam nahm die Auswertung Gestalt an. Oft machte ich Arbeiten doppelt, weil mir wieder ein kleiner Fehler aufgefallen war oder ich in einer Sackgasse landete. Erst nach und nach bekam ich von meinem Betreuer und meinem Professor feste Forschungslinien, an denen ich meine Auswertung aufbaute.
Es wurde Juni. Endlich nahm das Wetter sommerliche Züge an und ich sah das Ende meiner Bachelorarbeit gekommen. Mein Betreuer war mit den Messdaten zufrieden und ich hatte fast die gesamten Arbeitsstunden, die von der Studienordnung für die Bachelorarbeit vorgesehen waren, aufgebraucht. Ich lehnte die Bitte meines Professors, noch mehr Messungen für ein Paper aufzunehmen, ab. Obwohl ich viel Spaß an der Forschung hatte, war dies immer noch meine Bachelorarbeit und keine bezahlte wissenschaftliche Anstellung.
Nach Fertigstellung ließ ich meine Arbeit von meiner Mama und meinem Freund korrekturlesen. Zwar konnten sie mir Tipps zu Format und Ausdruck geben. Doch meine verwendeten Fachbegriffe schienen so speziell zu sein, dass nicht einmal mein Freund, der selbst Physik studiert hatte, sie komplett verstehen konnte. Es ist verrückt, wie fern diese physikalische Welt vom Alltag liegt. Sie ist so komplex, dass auch Physiker selbst nur einen winzigen Ausschnitt davon durchdringen können. Und doch ist sie wahnsinnig faszinierend. Meine Bachelorarbeit, die 51 Seiten plus Anhang umfasste, reichte ich schließlich am 24. Juni beim Prüfungsausschuss ein.
Am 2. Juli fuhr ich in die Uni, um den anderen meine Daten zur weiteren Forschung zur Verfügung zu stellen, meine Schlüssel zurückzugeben und mich natürlich bei allen Gruppenmitgliedern für ihre Unterstützung zu bedanken. Mein Betreuer war überrascht, dass ich die Arbeit abgegeben hatte, ohne ihn Probelesen zu lassen. Ups. Anscheinend machte man das in diesem Fachbereich so. Kurz bekam ich Panik. Was, wenn ich größere Fehler in der Arbeit hatte, die mein Betreuer vor der Bewertung hätte anmerken können? Doch ich beruhigte mich relativ schnell wieder. Ich war mir sehr sicher in dem, was ich da fabriziert hatte.
Ein letztes Mal ging ich mit meinen „Arbeitskollegen“ um 12:30 Uhr zusammen in die Mensa Mittagessen. Sie waren alle erstaunt, dass ich tatsächlich so schnell fertig geworden war. Während ich mich seit bereits einer Woche bei 36 °C am Pool entspannen konnte, gingen sie weiterhin Tag für Tag ihrer spannenden Forschung nach. Jeder einzelne leistete seinen Beitrag für ein besseres Verständnis unserer vielseitigen Welt. Eine bewunderswerte Arbeit.
Ich selbst hatte nun alle Veranstaltungen und Prüfungen des Bachelorstudiums hinter mir und konnte mich für die nächsten drei Monate den sommerlichen Alltagsfreuden zuwenden. Diese kleine Auszeit hatte ich mir hart erarbeitet. Ich war jetzt frei, wenn man so sagen wollte. Wobei … neben der Bewerbung für das Masterstudium warteten noch ein paar persönliche Aufgaben auf mich.
Lebensfragen
Seit Beginn meines Studiums wohnte ich in einem Studentenwohnheim direkt auf dem Campus. Obwohl sich auch hier die Miete innerhalb von dreieinhalb Jahren um 20% des Einstiegspreises erhöht hatte, handelte es sich dabei immer noch um die günstigsten Unterkünfte innerhalb von Potsdam. Doch die Zeit, die man im Wohnheim bleiben konnte, war auf vier Jahre begrenzt, sodass ich mich langsam nach etwas Neuem umschauen musste.
Mit der Frage eines möglichen Umzugs kam im Januar auch die Frage meines weiteren Studiums auf. Von der Idee, nach dem Bachelorstudium ein Voluntariat (also eine journalistische Ausbildung) anzufangen, war ich mittlerweile abgekommen. Zwar wäre das super für den Beruf des Wissenschaftsjournalisten, doch die Branche war überlaufen und jobtechnisch sehr unsicher. Mit einem Physikmaster hingegen hätte ich ein viel breiteres mögliches Berufsspektrum und könnte trotzdem noch schreiben. Forscher berichteten über ihre neuen Erkenntnisse auch in eigens geschriebenen Fachartikeln.
Also weitere zwei Jahre Physikstudium.
In Potsdam konnte ich zwischen allgemeiner Physik, Astrophysik und dem fächerübergreifenden Studiengang „Climate, Earth, Water, Sustainability (CLEWS)“ wählen. Astrophysik und CLEWS sind sehr speziell und vorrangig auf Datenauswertung und Programmierung ausgerichtet. Da ich nicht nur am PC arbeiten, sondern vor allem Forschung kommunizieren wollte, entschied ich mich für die allgemeine Physik.

Natürlich musste ich nicht in Potsdam bleiben. Weil mein Freund durch Beginn seines Referendariats umziehen musste (ca. 1 Stunde Zugfahrt von Potsdam) und ich mir allein eine Wohnung in Potsdam weder leisten wollte noch konnte, war für mich relativ schnell klar, dass ich mit ihm gehen würde. Hieß das, dass ich Potsdam den Rücken zukehren musste? Ich konnte auch in Berlin studieren. Dort gibt es zwei Universitäten, die einen Physikmaster anbieten.
Doch irgendwie mochte ich Potsdam. Ich mochte die Dozenten, die Atmosphäre und die Spezialisierungsmöglichkeiten in Richtung der Klimaphysik. Ich überlegte wochenlang hin und her. Pendeln konnte mit der Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn zwar nervig werden, doch ich glaube, ich war bereit dies einzugehen, wenn ich so mit meinem Freund zusammenleben und gleichzeitig weiter in Potsdam studieren konnte. Ja, ich hatte mich entschieden.
Ende März gab ich meinen Wohnheimsplatz auf und zog übergangsweise zu meinem Freund. Ich hatte erwartet, dass es mir schwerer fallen würde, meiner allerersten Wohnung den Rücken zuzukehren. Doch ich wurde überrascht. Vielmehr war ich richtig gehypt, die nachfolgende Wohnung vollkommen frei gestalten zu können. Einzige Vorgabe war das Geld.
Gerade lebte ich von der Bafög-Förderung. Zwar würde ich neben dem Masterstudium noch eine Korrektur-Stelle als Minijob ausüben, doch selbst damit kam ich nicht so viel weiter. Wohnraum ist knapp und die Mieten sind utopisch hoch. Von den 1/3 des Gesamteinkommens, welche die Miete eigentlich einnehmen sollte, war ich weit entfernt. Nach Schätzungen meiner monatlichen Ausgaben konnte ich etwa 500 € im Monat für Miete aufbringen. Wenn mein Freund und ich uns die Miete also gleichberechtigt teilen wollten, lag die maximale Warmmiete für unsere mindestens-60-Quadratmeter-Wohnung bei 1000 €. Eine eher unrealistische Vorstellung, wie wir in den Sommermonaten feststellen sollten.
In die Zukunft surfen
Wie schnell können zwei Monate vergehen? Bei den unzähligen Wohnungsbesichtigungen – es waren so viele, dass ich das Mitzählen irgendwann aufgab – verflog die Zeit nur so. Wer konnte schon wissen, dass die meisten Wohnungen für 800 € oder 900 € so aussahen, als wären sie das letzte Mal vor 30 Jahren saniert worden? Hingegen kosteten viele gute Wohnungen über 60 Quadratmeter mittlerweile über 1200 € Warmmiete. Das war eine Preissteigerung von 25 % innerhalb der letzten vier Jahre in dieser Region. Die ständige Unsicherheit setzte einem zu. Würden wir überhaupt etwas finden, was einigermaßen unseren Vorstellungen entsprach?
Der Hochsommer (der dieses Jahr irgendwie recht kühl gewesen war) wich dem Spätsommer, als wir Ende August und nach sechs Monaten intensiver Suche endlich eine hübsche Altbauwohnung fanden, die nur minimal über unserem Budget lag. Eine unglaubliche Erleichterung.
Weil die Wohnungssuche in diesem Sommer ein so großes Thema war, vergisst man schnell, was man sonst noch alles erleben durfte. Nachdem wir im März bereits Snowboardfahren gelernt hatten, folgte im Juli das Surfen. In einem kleinen Surfcamp an der Algarve in Südportugal lernte ich, wie es sich anfühlte, Wellen zu reiten. Im Mittelgebirge Harz sammelte ich mit einer kleinen Freundesgruppe Stempel, die man ab einer bestimmten Anzahl gegen Wanderabzeichen eintauschen konnte. Und zwischendurch versuchte ich neben all den nervigen, kleinen Erledigungen und Aufgaben – Handwerksarbeiten für die Wohnung, die Masterbewerbung, Jahressplanungen etc. – ein bisschen Ruhe zu finden.
Jetzt, Anfang September, blicke ich zurück auf einen intensiven Sommer voller Erfahrungen und hinein in zwei weitere Jahre Studium der so komplexen, aber wunderbaren Welt der Physik. In der Hand halte ich das Zeugnis meines Bachelorstudiums. Meine Bachelorarbeit wurde mit 1,1 bewertet, sodass ich insgesamt auf eine Bachelornote von 1,7 komme. Ich bin mehr als zufrieden mit mir und freue mich – so standardmäßig dieser Satz auch sein mag – auf alles, was kommt.
Ich weiß, dass die nächste Zeit wieder anstrengend werden kann: Zur Uni pendeln, dabei Vollzeit studieren, einen kleinen Nebenjob ausüben und das Leben trotzdem noch genießen. Das Erwachsenwerden – das eigentlich unser ganzes Leben dauert – und das Finden unseres eigenen Wegs verlaufen nicht auf einer Gerade. Oder bildlich-mathematisch ausgedrückt: Mit Kraft und Willensstärke kämpfen wir uns den steinigen Weg nach oben, um dem Gipfel des Glücks immer näher zu kommen, auch wenn wir ihn vielleicht nie ganz erreichen.
Ein bisschen ist das wie Surfen. Du lernst und lernst und wenn du glaubst, endlich stehen zu können und mit dem Strom zu gleiten, fällst du ins Wasser. Du bist frustiert, doch irgendetwas in dir drin lässt dich weitermachen. Trotz der Erschöpfung paddelst du weiter, denn wenn du dich erst einmal durch die vielen brechenden Wellen zurück zum Ausgangspunkt gekämpft hast, kannst du es kaum erwarten, dein Glück auf der nächsten guten Welle erneut zu versuchen. Und wenn du dann irgendwann stehen bleibst, ist es ein unglaubliches Gefühl.

Mein Studium an der Uni Potsdam
Hier geht es zu meinen anderen Artikeln während meines Physik-Studiums:
- Wirklich LEBEN in der Prüfungsphase – Von Höhen und Tiefen eines ersten Semesters (2022)
- Unialltag 2.0 – jetzt wird (hoffentlich) alles besser
- Unisemester 3 & 4 – Wenn die (Compton-)Wellenlänge stimmt
- Zwischen Uniwahnsinn und Fahrradfreuden – Semester 5 & 6
- Quanten, Kühe und Paläoklima – Ein Update zu meinem 7. Semester
- Lohnenswerte Doppelbelastung – Von arbeitenden Studierenden in Potsdam 2022
- Von Lichtquanten und Sonnenbrand – Ein Einstieg in die Quantenphysik 2024
- Ausflug in die Welt der DPG 2021 – Physik, Journalismus und ich

